26 Januar, 2022

Overheating




Seit nun über 1,5 Jahre "saufe" ich nicht mehr.
Genauer gesagt, ich kaufe mir einfach keine Alkohol mehr, ausser es kommen liebe Freunde zu Besuch oder ich gehe zu ihnen.

Meine Schreibereien wurden seit dem deutlich seltener, als sei ich, möglicherweise, von einem inneren Druck befreit, der sich nach aussen entladen müsse.

Oder ... und während ich jetzt nochmals drüber nachdenke, erscheint es mir - analog der Ereignissen von denen ich hier noch zu erzählen habe, als sei das die wahrscheinlichere Variante - dass der innere Druck ständig weiter gestiegen ist, ich es nicht bemerke und das Ventil zum Dampf ablassen - eben durch das Schreiben - fehlt.



Aber der Reihe nach ...


Nun hat mich dann - der ich der Vorsichtigste der Vorsichtigen bin - Corona doch noch erreicht. 

Seit Beginn der Woche hocke ich in Isolation mit Husten und Kopfschmerzen und Fieber, verbringe lange Zeiten meiner Tage und Nächte im Tief- oder doch zumindest im Halbschlaf.


Während der Schlafphasen treibe ich von Alptraum zu Alptraum, erwache dann kurz, weiss nicht ob Morgen oder Abend ist, muss die Digitalanzeige der Uhr 3x lesen bis ich weiss, dass "16:42" bedeutet, dass es nun bald dunkel wird.

Ich schwitze ausserdem noch meine Bettwäsche und Pyjamas durch! 
Stopfe sie, in meinem Dämmerzustand in die Waschmaschine, schalte sie ein, lege Zettelchen obendrauf, mit der Aufschrift “Aufhängen!” und stehe - dann irgendwann später - lange Momente grübelnd davor, bis mir klar wird, dass mit dem Imperativ nicht ich selber gemeint bin, sondern die Wäsche in der Maschine.

Es gab auch noch andere Zettelchen, aber deren Inhalt möchte lieber nur ich kennen!

Eines davon jedoch inspirierte mich zu dieser Geschichte, denn auf dem stand “fragil” ...


gefunden auf der  Waschmaschine

… es war - obwohl ein wenig krakelig - eindeutig meine Handschrift. 
Lange mühte ich mich mit der Frage, was konnte mich wohl bewegt hatte, das zu schreiben. 

Zwei bis drei Tage habe ich mich nur von Tütensuppe, Tabletten und Thymiantee ernährt, weiss nicht wann ich gekocht und gegessen habe, sehe nur den Stapel benutzter Suppenschalen, die leeren Medikamentenblister und schmutzigeTassen.

Ich weiss, ich muss zwischendurch mal aufs Klo gegangen sein, denn sowohl Hose als auch Bett waren sauber. Aber erinnern kann ich mich nicht.


Das Fieber ist wohl auch der Grund der panische Angst, die mich die ganze Zeit begleitet, die Batterie in dem Thermometer könne zu ende gehen und ich könne so die allerletzte Kontrolle verlieren über meinen Zustand - vielleicht den Moment verpassen, indem ich einen Krankenwagen rufen sollte, weil es über 40°C anzeigt.
Ich träumte von einem guten alten mit Quecksilber gefüllten Thermometer, wie ich es als Kind benutzte, träumte von meiner Mutter und ihrem besorgten Blick und ihrer kühlen Hand auf meiner Stirn und wie sie mir das Ding, das tatsächlich nach Glas schmeckte, in den Mund schob und ich geduldig 5 Minuten warten musste.

Die Batterie ging allerdings, entgegen meiner fieberneurotischen Befürchtungen, nicht zu ende!

Heute ist der erste Tag - die Uhr zeigt "7:05" … und ich weiss sogar sofort was das bedeutet! … also der erste Tag, an dem meine Temperatur etwas gefallen ist.


Ich fand übrigens - ausser den diversen Zettelchen - noch eine gepackte Reisetasche - neben der Waschmaschine - als ich heute am Morgen - ganz bewusst - pinkeln ging.
Niemand ausser mir war in meiner Wohnung - also - rein logisch - hab ich sie gepackt - im Fieberwahn - in Vorsorge vermutlich - falls ich ins Krankenhaus muss.
Nichts - aber auch gar nichts davon -  weiss ich noch!


Ein Intermezzo:

Das erinnert mich an ein Vorkommnis in meinen einsamen Wochen auf den südjapanischen Inseln:

Im Laden des einzigen Dörfchens auf dem Inselchen, kaufte ich Gemüse, Algen, Pilze und Nudeln für eine gute Suppe, dazu eine Flaschen Reiswein, den ich zu schätzen gelernt hatte.
So sass ich am Nachmittag und trank mal ein erstes Gläschen, es werden tatsächlich wohl zwei gewesen sein.
Ich nickte wohl kurz ein, erwachte in meinem Bett, die Uhr zeigte etwa 6:00h und ich stand frohgemut, wenn auch mit etwas Kopfschmerz, auf und dachte, ich solle nun dann mal kochen.
In der Küche war alles ordentlich, doch auf dem Herd stand ein halber Topf mit fertig gekochter Suppe und die am Morgen gekauften Zutaten waren allesamt verschwunden.
Ich grübelte eine Weile, da das aber nix half, wollte ich Dem mit einem dritten Gläschen Reiswein ein wenig nachhelfen. Das ging aber nicht, denn die Flasche lag leer unter dem Tisch.

Das erste was mir in den Sinn kam, war, jemand musste, während ich eingenickt war, in mein Häuschen eingebrochen sein, hatte meinen Reiswein ausgesoffen und mir zum “Dank” die Suppe gekocht. 

Trotz Kopfschmerzen kam mir nach einer Weile diese Idee doch schnell zunehmend absurd vor.
Während ich also die leere Flasche, die ich inzwischen vor mir auf den Tisch gestellt hatte, anglotze und rumrätselte, wurde es draussen langsam heller.


Die Erkenntnis kam wie dieser Augenblick ... 

... nachdem man eine Dosis Schnupftabak hochgesnift hat und ... 

... kurz bevor man niest.

Es ist nicht Abends … ES IST MORGENS … !!!


So hatte ich die ganze Flasche selber ausgesoffen am Abend, im Suff noch gekocht, gegessen und war dann zu Bett gegangen und hatte die ganze Nacht geschlafen.
An reineweg garnix davon habe ich - bis heute - auch nur die leiseste Erinnerung!

Drei Dinge passierten dann noch:

1. Die Suppe war prima - genau wie ich sie mag
(ich koche also auch im Vollrausch noch ganz gut* … und putze nachher sogar die Küche)
2. Wie sich beim nächsten Einkauf im Inselladen rausstellte, war das, was ich gekauft hatte, kein Reiswein, sondern ein lokaler ReisSchnaps gewesen.
(Scheisse wenn man nicht lesen kann, was auf dem Etikett steht)

3. In meinem Blog war ein Artikel gepostet worden in dieser "vergessenen" Nacht. 

Ich las ihn aufgeregt durch, er war recht kurz, aber nicht all zu schlecht geschrieben, hatte sogar ein nachvollziehbares Fazit und ich wusste - so sicher wie eine Mutter, die ihr eigenes Kind unter Tausenden erkennen würde - dass er von mir war.

Nur ... ich erinnerte mich nicht im Geringsten - ihn geschrieben zu haben . 

(Na gut ... auch nicht alle Mütter erinnern sich an die Nacht, in der ihr Kind gezeugt wurde ... und trotzdem ist es da)

Ende des Intermezzos und weiter mit meiner Geschichte:


Na, ja ... so lüften sich eben Geheimnisse ... oder manchmal eben auch nie!


Auch das seltsame Zettelchen mit dem Text “fragil” wird nun, da das Fieber nachlässt, klarer:

Ich habe drei Lieblingswörter:


  1. “Cellar Door” Das ist nicht von mir, sondern aus einem Film “ausgeliehen”:

    Es steht für all das, was verborgen liegt, hinter einer Kellertüre, im Dunkel unter der Erde 

    ... oder … na ja - in mir.

  2. “fragil”
    Weil wir alle nur Menschen sind und das Leben so zerbrechlich ist. **

  3. “Arschloch” ***
    Steht für den Befreiungsschlag, die Revolution, den Neuanfang oder auch das Ende für das

    "Warten auf Goddot”


Letztlich ... und damit -fast- zum Schluss für heute ...
... hat das Fieber (unterhalb 38.5° !! ), das mir die ArschlochCoronaViren brachten, offenbar eine ähnliche Wirkung auf mich wie ein guter Suff ... jedenfalls was die Ventilfunktion des Schreiben betrifft!

Wie auch immer ... ICH SCHREIBE WIEDER !!

Ich jubele nicht grade “danke” dafür ... aber zumindest trällere ich ein freudiges:

“ FUCK YOU CORONA !!”


However !! 
Das war es schon fast ... 
ABER ... jetzt noch die
Fussnoten und eine Widmung ... die mir wichtig ist.

*

Ich hab in den Achzigern, auf einer Party, auf der die Hälfte der Gäste, ich sowieso, 

total blau war und die andere Hälfte völlig stoned und es nix Gutes mehr zu Essen gab, 

mal einen prima Wiener Apfelstrudel gemacht ... einschl. Vanillesauce!! ...

… hat man mir ein paar Tage später erzählt 🤣


**

Ziemlich genau vor 4 Jahren starb meine Mutter 🥲🥲🥲


***

„Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch“ 🤬


Schimpfen gehört in jeder Gesellschaft und Kultur zum Alltag. Überall wird nach Kräften geflucht und gepoltert, wird Dampf abgelassen: Mistwetter, Scheißjob, verdammte Blechkiste. Und die anderen, über deren Verhalten wir uns ärgern, kriegen Vulgäres zurück: Idiot, Schwachkopf, blöde Kuh.


„Schlag ihn tot den Hund! Er ist ein Rezensent“, schrieb einst Goethe. 

Und Joschka Fischer ließ sich 1984 im Bundestag gegenüber Richard Stücklen zu dem Kraftausdruck hinreißen: „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch.“ 

Aus der Sendung “Freistil” des Deutschlandfunks






WIDMUNG

Diese Geschichte ist gewidmet dem Gedenken an meine Mutter, 

die nicht nur eine hervorragende Köchin und Krankenpflegerin war, 

sondern auch fluchen konnte, "... bis sich die Balken biegen" ... 

... wie sie es wohl ausgedrückt hätte.

RIP 

❤️





Geschrieben, umgeschrieben, neu komponiert und wieder überarbeitet in Quarantäne ...

... in Tagen mit rezidivierenden Fieberepisoden ... 

... und einigen anderen schmerzhaften und/oder unappetitlichen Randerscheinungen ...

... irgendwo verloren zwischen eingetrübter Vigilanz und völliger Umnachtung vom ca. 26.1. bis zum ca. 28.1. 2022.

Gepostet am 28.1. 2022












21 August, 2021

Hypnotising

Quelle: htt2ps://www.planet-wissen.de/gesellschaft/psychologie/hypnose/hypnose-showhypnose-100.html


Während einige meiner Leser*Innen nun vielleicht eine weitere Liebesgeschichte erwarten, geht mir was ganz Anderes durch den Kopf.

Was selbst einige meiner besten Freunde nicht über mich wissen, ist, dass ich in den 90ern des letzten Jahrhunderts eine Ausbildung in Hypnose machte.
"Nein" das ist nicht ganz richtig, eigentlich ging es um das Gegenteil ... 
"Das Gegenteil von Hypnose??" 
"Ja!" 

Während wir alle glauben, besonders die Wichsköppe von der Querdenkenbewegung, dass wir "Frei" sind und keine Masken tragen müssen und, hier vor allem die ehemaligen OssiDeutschen sich in ihrem Nachholbedarf an falsch verstandener Demokratie, in Widerstand winden, kann ich Euch mit 60 Jahren-Plus nur Eins sagen: 
"Wer hier immer noch glaubt, er/sie sei ""frei"" der/die hat seinen/ihren Verstand schon lange an der Garderobe der ""Bühnen des wahren Lebens"" abgegeben."

"Wie ich denn dazu käme ... ??" brüllt Herr Otto Normalverbraucher aus der letzten Reihe des heute eher kläglich gefüllten imaginären Hörsaales, empört.

Ja genau ... mit Empörung fängt es an.

Heute - ich wollte die "Süsse" von der Arbeit abholten - aber auf dem Riesenparkplatz gab es nur Einen im Schatten und den auch nur wenn ich quer über 2-3 Parkbuchten parkte - was mir vom Bünzli (das ist das ist das Schweizer Synonym für Spiessbürger) - also von Hausabwart - böse Blicke einbrachte - obwohl der restliche Parkplatz (ca. 150 Stehtplätze) leer war.

Zurück zur Hypnose:
Das Gegenteil - oder sagen geschickter das Heilmittel - das Gegengift - zur Hypnose ist die Dehypose.

Natürlich glaubt die regelmässige Leser*In - noch immer dies würde eine Liebesgeschichte - wegen ... "die "Süsse" von der Arbeit abholten" ... aber ich fürchte: das wird nix.
Ich lasse mich nun infolge der Dehypnose eben nicht mehr so "zack-zack" hypnotisieren ... aber das ist eine andere Geschichte ... die ich vielleicht - In scha Allah - irgendwann anders erzähle.

Jedenfalls um beim Thema Parkplatz zu bleiben:
Wie ich also die Süsse, nach einem gemeinsamen Kafi, wohlbehalten daheim abliefere, um gleich anschliessend in das Coop-Parkhaus zu fahren, für Müllbeutel und Kekse und ein Fläschchen Gamay, sehe ich oben an der Einfahrt, dass es noch 76 freie Parkplätze hat.
So kurve ich frohgemut in die Tiefen des Gebäudes hinab, aber schon in der 2. Ebene muss ich warten, weil irgend ein Dumm-Bünzli seinen MonsterJeep in die Erste, viel zu enge Parkbucht rangieren muss.

"Alter!!!" rufe ich aus dem wegen des Tickets noch geöffneten Fensters "da unten sind noch 75 andere Parkplätze frei!" 
Aber "nein" Deppi muss sich in genau Diesen Einen zwängen - als ginge es um sein Leben - nur Diese ist die Erfüllung seiner Kinderträume (neben dem Deppi-Jeep) - nur Diese will er haben, für eben Diese fährt er 4-5 mal vor und zurück. 
Hinter dem Steuer - wir müssen ja alle warten bis Monsieur fertig ist mit seiner Selbstbefriedigung - und ich habe Zeit zum Gucken - ein braun gebrannter drahtiger Mittdreissiger, der bestimmt regelmässig ins Fitness geht und seine SitUps macht und auf dem Stepper steped.
Nur die paar Meter weiter bis zum Lift, wenn er einen der 75 anderen Parkplätze nutzt, die bringen ihn vermutlich um.

DAS ist Hypnose in Reinkultur !!

Nicht nur, das mit dem zwanghaften  "Die-erste-Parklücke-muss-ich-nehmen" sondern auch "Ich-muss-mir-n-Jeep-kaufen" und "Ich-muss-braungebrannt-sein" und "Fitness-is-gesund"

So - nu hab ich ordentlich rausgelassen!

Von diesen "Hypnotika" gibts Tausende und Abertausende.
Ich mach mal drei einfache Beispiele:
"Ich darf keine Fehler machen"                         
"Viel Geld macht viel glücklich"
"Ich muss mal wieder ans Meer"

Meine Grossmama väterlicherseits (RIP) sagte immer:
"Sterben muss ich, sonst gar nichts"

So isses!! Der Rest - meine Lieben - ist nix als Hypnose.

Ach ja ... neuste Forschungen am Hirn (so man hat) haben ergeben, dass wir unsere Entscheidungen treffen, bevor wir wissen, dass wir sie getroffen haben.



13 August, 2021

Missing II




Als ich vor 20 Jahren in das Haus einzog, in dem ich heute noch lebe, war das Nachbarhaus noch bewohnt gewesen. Die ersten 2 Jahre wohnte ich im Erdgeschoss und konnte das Haus nicht sehen von dort aus, wegen der Büsche und der Bäume im Garten. Später dann zog ich 2 Etagen nach oben und hatte nun freien Blick auf eine Wohnung im 4 Stock, hinter der grauen, in die Jahre gekommene Fassade, auf die tags dunklen und abends und nachts erleuchteten Fenster.
Es gab keine Vorhänge oder Gardinen, nur, je nach Jahreszeit versperrten mir die Zweige des alten Kirschbaumes und einer grossen Esche den gänzlich ungehinderten Blick.

In der Wohnung, in die ich hinein sehen konnte, lebte ein junges Paar. Er gross und kräftig mit dunklen, lockigen Haaren und immer gebräunter Haut. Sie kleiner und zierlich mit blonden glatten Haaren und einem Engelsgesicht - soweit das aus der Entfernung von ca. 12 Metern erkennbar war.

Die beiden schienen schon eine Weile ein Paar zu sein, denn ihre Bewegungen liefen geübt umeinander herum, sie standen sie nie gegenseitig im Weg, selbst dann nicht, wenn sie in der kleinen Küche gemeinsam kochten.

Gelegentlich hatten sie Freunde zu Besuch. Ich konnte zwar nicht in ihre Stube blicken, weil diese auf der anderen Seite des Hauses lag, aber es tauchten an diesen Tagen immer wieder lächelnde Gesichter in der Küche auf und es wurden Gläser nachgefüllt und wenn das Fenster offen stand, hörte ich viele verschiedene Stimmen und gemeinsames Lachen.
Ich dachte die beiden müssten wohl glücklich sein, denn ab und zu sah ich sie sich umarmen und küssen und manchmal in der Nacht oder am Sonntagmorgen hörte ich sie Sex machen.

So nannte ich die beiden für mich "Ginger und Fred", weil sie so geschickt umeinander herum tanzten beim Kochen in der kleinen Küche.
Ich konnte von meiner Wohnung aus auch die Eingangstüre des Hauses sehen und ich konnte sie klappen hören, wenn jemand kam oder ging. Wenn es Dunkel war, sah ich die Lichtschimmer der anderen Wohnungen zwischen den Zweigen und hörte am Tag das Husten und Gespräche und das Klopfen der Kochlöffel auf die Topfränder vor dem Mittag.
Ein ganz normales Wohnhaus in einem ganz normalen Wohnquartier in einer ganz normalen Stadt in der   ganz so normalen Schweiz.

Intermezzo:
In dem Haus in dem ich selber lebe, lebt eine Familie, deren Kinder - ein Junge und ein Mädchen - noch klein waren als ich hier einzog.
Nun sind die beiden in den 20 Jahren erwachsen geworden.  Die Tochter hat dann irgendwann geheiratet und ein Baby bekommen und ist - grad jetzt - bereits wieder schwanger.

Der Sohn lebt lange noch bei den Eltern. Er machte schon immer einen etwas dümmlichen Eindruck, läuft auch heute noch wie jemand der dumm ist herum. Nach vielen lautstarken Auseinandersetzungen in der Familie, die ich akustisch begleiten durfte, ist er dann letztlich in die Wohnung direkt neben seinen Eltern gezogen. Lebt, den Geräuschen und Gesprächen  und dem Verkehr zwischen den Wohnungen, begleitet vom ständigen Tür-Auf / Tür-Zu, nach zu urteilen,  jedoch weiterhin tatsächlich noch immer "daheim". 
Mama kocht wohl noch für ihn und nach den übervollen Wäschekörben, die sie in die Waschküche schleppt, wäscht sie auch noch seine Wäsche.
Aufgrund seiner Dümmlichkeit, die er gut sichtbar vor sich her trägt, hat ihn eine ehemalige Geliebte von mir "Dumpfbacke" getauft - was den Sachverhalt  einerseits aus meiner subjektiven Beurteilung rückt, andererseits ein Grobskizze seines Habitus vermittelt.
Also: Dumpfbacke mag inzwischen so um die 25-30 Jahre alt sein. Eines Tages sah ich eine junge Frau aus seiner Wohnung kommen, sie grüsste mich höflich und lächelte. Ich sah sie von da an öfters im Haus und ich sah sie wie sie volle Wäschekörbe in die Waschküche schleppte und identifizierte eine neue, Stimme im Familienkonzert unter mir. Dumpfbacke hatte offenbar eine Freundin. Ich freute mich einerseits für ihn, andererseits schwante mir aber auch nichts Gutes.
Es kam wie es kommen musste - eines Abends als ich von der Arbeit kam, stieg die junge Frau mit zwei Koffern in ein Taxi, während Dumpfbacke am Fenster hing und tränenüberströmt ihren Namen brüllte.

Ich neige eben einfach dazu im falschen Moment am richtigen Ort zu sein.

Dumpfbacke, hatte natürlich mitgekriegt, dass ich unfreiwillig Zeuge des Dramas geworden war. 
Seit dem, wenn wir uns im Treppenhaus oder auf der Strasse treffen, lässt er den Kopf hängen und murmelt nur eine abgehakte Begrüssungsformel.

Zurück zu Ginger und Fred.
Ihre nächtlichen und sonntagmorgenliche Entzückensschreie und sein grollendes Lustgestöhn wandelten sich mit der Zeit in hochfrequentes Gekreische und gebrüllte Tiraden. In der Küche war jeweils nur noch einer von beiden zu sehen und die Partys mit den Freunden wurden zusehens seltener.

Einmal traf ich Fred an der Bushaltestelle. Ich sagte freundlich "Hallo" weil er ja nun ein alter Bekannter für mich war. Er jedoch, der von seiner Wohnung nicht in meine gucken konnte, da das Nachbarhaus ein paar Meter weiter unten am Hang liegt, kannte mich gar nicht und schaute mich nur missmutig an ohne zu antworten.
Ein anderes Mal traf ich Ginger im Supermarkt an der Ecke, sie hatte übrigens wirklich ein Engelsgesicht. Da ich offenbar aus meiner Begegnung mit Fred nichts gelernt hatte, sagte ich wieder "Hallo" auch sie antwortete mir nicht, schaute mich nur kurz aus traurigen Augen an und rang sich ein knappes Lächeln ab.

An einem Samstagmorgen hörte ich dann fremdartig Geräusche, hämmern und Männerstimmen die knappe Befehle gaben und schlagende Autotüren. Als ich aus dem Fenster blickte sah ich einen Möbelwagen im Hof und Möbelpacker hin und her laufen und Dinge tragen.

Ginger sass im Schlafzimmer im offen Fenster, die Füsse auf der Fensterbank, die Knie angezogen.
Sie schaute kurz zu mir hoch, ich winkte ihr. Ich glaube sie lächelte ihr Supermarktlächeln, aber das kann ich mir auch eingebildet haben, jedenfalls sie stand auf, schloss das Fenster und ging in die Tiefe der Wohnung davon.

Es ist schon so: Ich neige eben einfach dazu im falschen Moment am richtigen Ort zu sein.

Ich sah Ginger von da an allein in der Wohnung. Ich sah sie allein in der Küche kochen und allein in den Ausgang gehen am Abend. Einmal sah ich einen fremden Mann, der sie im Schlafzimmer umarmte, aber sie drückte ihn von sich weg.

Irgendjemand fällte die Esche in unserem Garten, ein grösserer Teil der  Fassade des Nachbarhauses war nun von unserem Haus aus zu sehen. 
Die Bewohner, auch Ginger, hängten sich Vorhänge an die Fenster und verbargen so ihr Leben vor der Welt. Ginger sah ich nur noch gelegentlich, durch die Zweige des alten Kirschbaumes, wenn sie ihre Vorhänge am Morgen aufzog oder schloss am Abend und beim Kochen, denn in der Küche hatte sie keine.

Nach ein paar Monaten oder es mag vielleicht länger gewesen sein, so genau kann ich mich nicht mehr erinnern, stand wieder ein Möbelwagen im Hof. 
Ich befürchtete, dass nun auch Ginger gehen würde, aber es war ein alter Mann ein paar Kartons zum Laster trug und sie fast zärtlich auf die Ladefläche stellte. 

Ich traf Ginger hier und da im Quartier und wir gewöhnten uns an beide "Hallo" zu sagen.
Ein Mal wartete ich hinter ihr in der Schlange vor der Kasse des Supermarktes.
Sie drehte sich zu mir herum und sagte: "Sie wohnen oben, nicht wahr" womit sie wohl auf das Gefälle des Hangs, an dem unsere beiden Häuser stehen, Bezug nahm, "Ich sehe Sie manchmal auf dem Balkon"
Das "Sie" gefiel mir gar nicht, aber ich war damals um die 40 und sie bestenfalls knapp über 20, also nahm ichs hin.
Jedenfalls hatte wir scheinbar, von diesem Tag an, den unausgesprochenen Deal miteinander, uns zuzuwinken wenn wir uns hinter den Fenstern oder auf dem Balkon sahen.

Es muss wohl ein paar Wochen später gewesen sein, ich hatte grad einen Riesentopf Dal gekocht und hockte mich mit einem Kafi auf den Balkon. Ginger sass wieder mit angezogenen Beinen auf der Bank des offenen Fensters. "Pass auf, dass Du nicht runterfällst" rief ich rüber.
Sie lachte und damit waren wir beim "Du". 
"Muss jetzt sowieso aufstehen und was mal was essen" rief sie zurück. 
Ich informierte sie über mein Dal, worauf hin sie sich schauspielerisch übertrieben um den Mund leckte.
So lud ich sie zum Essen  ein und war erstaunt, dass sie zusagte und 15 Minuten später an meinem Esstisch sass und Dal löffelte.

Schon immer mochte ich Menschen, die Widersprüche in sich tragen. 
Ginger, die in Wirklichkeit Patrizia hiess, aber sagte, alle würden sie nur Pritty nennen, was sie tatsächlich auch war, mampfte mit dem rot angemalten Mund in ihrem Engelsgesicht wie ein Bauarbeiter.
"Schmeckt`s Dir" fragte ich etwas scheinheilig "Mmmpf" sagte sie und grinse mit vollen Backen und "is echt prima" bevor sie den nächsten Löffel voll reinschob.

Pritty war so deutsch wie ich, kam aus Leverkusen, keine Ahnung wo das is.
Wir redeten über die Schweiz und die komischen kleinen Problemchen, hier als Deutscher zu leben, über "Fred", der im wahren Leben Frank hiess (nich so weit daneben, nicht wahr?!), den sie aber nur "Das Arschloch" nannte, der mit anderen Frauen rumgemacht hatte - unter anderem mit ihrer Freundin Simone, die das dann alles, in einem Streit mit Frank und Pritty herausbrüllte hatte, auf einer dieser Partys.

"Du musst unbedingt mal zu mir zum Essen kommen" presste sie zwischen Linsen und Gemüse hindurch, während sie das kurcumagelbe Speichelrinnsal, das dabei aus ihrem Mundwinkel floss, mit dem Handrücken wegwischte.

So sass ich ein paar Tage später in ihrer Stube, die ich von meiner Wohnung aus nie gesehen hatte. Der Raum war sparsam möbliert. Sie bemerkte meinen Blick "Der grösste Teil der Einrichtung hat dem Arschloch gehört ... hat er alles mitgenommen"
So lebten wir, nur durch den Garten getrennt, eine distanzierte Zweisamkeit, riefen uns Scherze und gelegentlich Einladungen zu.

Das Haus, in dem sie lebte, lag wirklich irgendwie "im Loch" es war düster dort unten und selbst im Sommer schaffte die Sonne es nur für zwei bis drei Stunden pro Tag es zu erreichen. 
Vielleicht deswegen, aber auch weil es gammelig war, die Vermieter es nicht pflegten und das Treppenhaus verdreckt war, weil es niemand putzte und alles ein wenig moderig roch, zogen einer um den anderen Mieter aus, so dass dann schliesslich nur noch Pritty und ein Ehepaar dort lebten.

Die Miete war für Schweizer Verhältnisse spottbillig, was bei Zustand des Hause, nicht wunderte und da ich zu der Zeit immer ein wenig knapp mit Geld war und natürlich weil ich Pritty immer lieber mochte, überlegte ich, ob ich in eine der leeren Wohnung übersiedeln sollte.
Als ich das Pritty erzählte, schüttelte sie langsam, fast traurig ihren Kopf. Sie schlug den Blick nieder, nestelte an ihren Fingern rum und sagte "mach das nicht, ich gehe bald weg und das Ehepaar drüben zieht auch aus ... dann bist Du allein in diesem alten Kasten"

Ich neige wirkich einfach dazu, im falschen Moment am richtigen Ort zu sein.

Sie zog aus ohne sich zu verabschieden an einem Tag, an dem ich nicht zuhause war. Sie war einfach weg und die, nun wieder vorhanglosen, Fenster starren mich vorwurfsvoll an. 

Das Haus unten am Hang steht leer seit dem. 
Manchmal, wenn es Abend wird und eine Windboe in den Zweigen des Kirschbaumes, dafür sorgt, mir für einen Moment einen Blick auf die oberen Etage zu geben, dann sehe ich Pritty im Fenster hocken, mit angezogenen Knien und höre sie rufen "Kommste zum Essen rüber?"

Aber ich antworte nicht mehr, damit mich meine Nachbarn nicht für verrückt halten. 
Manchmal jedoch nicke ich und winke.


Geschrieben und gepostet am Freitag dem 13. August 2021 in LU

NACHTRAG:
Heute haben sie begonnen, das Haus unten am Hang, ab zu reissen.
12.12.22







19 Juni, 2021

Foaming




Heute gibts nochmals zwei Geschichten … die auf den ersten Blick mal wieder nix miteinander zu tun haben. 
Heute aber verrate ich soviel, es geht in beiden ums Einseifen.

Die erste Geschichte … natürlich weiss ich auch mal wieder nicht, wo und von wem ich sie erzählt bekam.


Então: (português)

Irgendwo in den Weiten des Mittleren Westens trieb sich der Agent einer Ölfirma rum. 

Das mag vielleicht so in den 30ern des letzten Jahrhunderts gewesen sein.
Er machte geologische Untersuchungen, Probebohrungen und schrieb Berichte an seine Auftraggeber.


Ein Gebiet schien ihm besonders vielversprechend zu sein, alle seine Ergebnisse deuteten auf Erdöl im Untergrund hin. So besuchte er die weit auseinander liegenden Farmen in der Umgebung um mal auszuloten, ob die Besitzer ihr Land verkaufen würden … und wenn “ja” … zu welchem Preis.

 

Dazu muss man noch wissen, dass es ein paar trockene Sommer gegeben hatte, die Ernten entsprechend mager ausgefallen waren und einige Farmer an der Grenze ihrer Möglichkeiten angekommen waren.


Der Agent war nicht eben ein Menschenfreund, so versuchte er die Leute dazu zu überreden weit unter Wert ihr Land herzugeben.


Einer der Farmer, den er versuchte einzuseifen, bat ihn, ihm doch mal zu zeigen, warum er sein Land kaufen wolle, denn es war so trocken, dass es eher an eine Steppe erinnerte als an etwas von dem ein Mensch leben könnte.


So ritten die beiden bis sie zu einem der provisorischen und hastig errichteten Bohrtürme kamen, den der Agent dort installiert hatte. Er erklärte dem Farmer, dass in der weiteren Umgebung etwas Wertvolles gefunden worden sei, aber nicht auf dem Land des Farmers. Zum Beweis zeigte er ihm etwas von dem schwarzen, öligen Schlamm, den der Bohrer nach oben befördert hatte. 

“Sehen Sie!” sagte der Agent zum Farmer “Nur schmieriger Schlamm da unten - kann man nicht brauchen” 

Er täuschte ihm weiterhin vor, er brauche sein Land nur um eine Strasse drüber zu bauen um das Wertvolle, das er in anderen Gegenden gefunden hatte, abzutransportieren. 

“Aber Sie müssen nicht verkaufen … es ist ein so weites Land, ich kann meine Strasse auch woanders bauen - Ihre Entscheidung”


Der Farmer nickte und sie kehrten um. 

Unterwegs, auf einem Hügel, hielt der Farmer sein Pferd an und als der Agent neben ihm zu stehen kam, streckte der Farmer seinen Arm aus, und liess die Hand über den Horizont streichen.

“Ja” sagte er “Sie haben Recht, das ist wahrlich ein sehr weites Land” 

Dann sah er dem Agenten fadengerade in die Augen 

“Können sie sich eigentlich vorstellen, wie lange es dauert, hier eine Leiche zu finden?”


Der Agent reiste noch am selben Tag ab und ward nie wieder gesehen. 

Es kamen ein paar Sommer mit genügend Regen und ein paar Winter mit nicht all zu großer Kälte.


Oops … die Geschichte ist viel länger geworden, als ich sie in Erinnerung hatte.

So wird halt mit Leuten verfahren, die versuchen andere über den Löffel zu barbieren.


Womit wir bei der zweiten Geschichte angekommen sind.


Also:

Es gab Zeiten, da waren viele Leute arm - so arm, dass es bei einigen von ihnen kaum bis gar kein Geld gab im Haushalt. Sie lebten von dem was das Land so her gab - und das war nicht immer eben üppig und - wie die kleine Geschichte zuvor gezeigt hat - auch nicht jedes Jahr gleich viel.

Wenn es denn mal mehr gab als sofort aufgegessen werden musste, um einfach am Leben zu bleiben, dann verkauften die Menschen das auf dem Markt. 

So kamen ein paar Münzen für den Notfall ins Haus.

Manchmal wurde der Notgroschen versoffen oder manchmal musste jemand zum Doktor oder es brauchte im Winter ein paar warme Schuhe.


1. Intermezzo (português e alemão)

Als der erste Bartwuchs einen dürren, unregelmäßigen Flaum in mein Gesicht hinterliess, ich aber nicht so recht entscheiden konnte, ob ich stolz war oder mich davor gruselte, beendete meine Grossmutter das, indem sie sagte ich solle mich rasieren, denn ich sähe aus wie ein Strauchdieb.


Weiter mit der Geschichte … 

Als dann bei den Leuten etwas mehr Geld ins Haus kam … leider nicht bei allen gleich viel … da kauften die Frauen sich schöne Kleider und die Schuhe waren nicht nur mehr dazu da, sich im Winter die Füsse warm zu halten.

Die Männer, die sich bis dahin den Bart mit ihren Handwerkszeugen, z.B. der Schere zum scheren der Schafe, stutzen oder einfach mit einem Messer … gingen nun zum Barbier im Dorf.


2. Intermezzo

Nicht lange nachdem meine Grossmutter so gesprochen hatte, fuhr ich mit Freunden nach Portugal. Dort sah ich zum ersten Mal, wie sich Männer beim Barbier rasieren liessen. 

Ich setze mich dazu. Die Männer hörten auf zu reden, guckten mich an, wie man jemanden anschauen würde, der einfach in irgendein Haus reingeht und sich mit der Familie dort völlig selbstverständlich vor den Fernseher setzt oder an den Esstisch.
Nun sind die Portugiesen recht friedfertige und gastfreundliche Menschen. Sie liessen mich - ausser, dass sie mich mit einem gelegentlich Blick beäugten - in Ruhe.

Ich liess mich rasieren und Haare schneiden - mal abgesehen davon, dass niemand dort wohl Deutsch oder Englisch konnte und ich - claro que não - Portugiesisch - hätte wohl niemand mit mir gesprochen. Das war sehr unangenehm - ich war eindeutig wo reingeplatzt.


A história continua  … Weiter mit der Geschichte …   

Die Männer wurden ein wenig zu Herren, zunächst noch selber verblüfft, ob der mit Pomade nach hinten gestrählten Frisur, dem neuen, grauen Anzug, den die Frau befürwortet hatte und mit einem samtenen Slips um den glatt rasierten Hals, gewöhnten sie sich daran, sich täglich rasieren zu lassen und ein Schwätzchen mit den Kollegen auf der Wartebank zu halten während der Barbier sie einseifte.

Am Freitag liessen sie sich allwöchentlich die Haare schneiden und um sich nachher in der Bar alle wieder zu treffen auf ein oder zwei Gläschen Vinho Verde. Jeder kannte jeden und sie scherzten und foppten sich und führten ernsthafte Gespräche über Olivenbäume, Ziegen und Frauen. 

Nach den mageren Jahren machten sie nun Pläne, jeder für sich und manchmal ein paar von ihnen miteinander. Eine eingeschworene Gemeinschaft. Der Laden des Barbiers und die Bar wurden die Umschlagplätz für Gedanken, Meinungen, Geburtsorte für Intrigen und Freundschaften oder Fehden, Markt für Gerüchte und grossartige Neuigkeiten aus fernen Ländern, für Halbwahrheiten und glatte Lügen.


Wer jetzt noch geschoren wie ein Schaf, mit zerzaustem Bart und wirrem Haar sich blicken liess, der zeigte deutlich, dass er entweder nicht von “hier” war oder ein armer Hund geblieben war.


Auf “Solche” sahen sie nun herab, Solche die sie noch in dieser oder doch letztens der vorherigen Generation selber gewesen waren. Solche durften nicht mitreden, nicht mitlachen, nicht den Kellnerinen, die letztes Jahr aus der Stadt hergekommen waren, nachgucken. Die Gespräche wurden leiser, die Blicke heimlicher, wenn ein “Solcher” sich an einen der Tische setzte.


Einmal - niemand spricht gern darüber - darum weiss ich auch nicht wann es war, da kam ein “Solcher” zum Barbier, liess sich einseifen und rasieren und die Haare schneiden und trank anschliessend in der Bar ein wenig zu viel, quatschte die Herren in den grauen Anzügen an, neckte die Kellnerinnen und wurde gesehen, wie er die ehrenwerte Tochter eines der neuen Herren auf der Strasse gegrüsst hatte.

Ein paar Tage später stand ein Auto von der Polizei im Dorf. 

Ein Mann aus der weiteren Umgebung des Dorfes sei verschwunden, er war zuletzt vor der Bar gesehen worden, ein wenig zu betrunken und von zwei von den Herren untergehakt gewesen. 

Diese sagten aus, ihn zu seinem Eselskarre gebracht zu haben, mit dem er dann langsam aber zielstrebig das Dorf verlassen habe.


Den Karren fanden die Polizisten zerschmettert am Fuss eines Abhanges, von Mann und Esel fehlte jede Spur. Sie wurde nie wieder irgendwo gesehen … weder der Mann noch der Esel.

“Wollte wohl auch ein Herr sein, der Strauchdieb” sagte der Barbier und spuckte auf den Boden. 


Inzwischen gibt es eigentlich keine Barbiere mehr.

Diese besondere Welt ist in einer Flut von Elektro- und Einwegrasierern untergegangen.



Foto aus dem Spielfilm-Juwel „Marketa Lazarová“



 





Strauchdiebe gibts noch immer - zum Glück.




Lasst Euch nicht einseifen




17 Mai, 2021

Colliding




Bild von https://home.cern
Bild von der Website des CERN

Eigentlich entsteht dann einen Geschichte, wenn Ereignisse miteinander kollidieren.

Also lasst uns über das Kollidieren reden!


Ausgangslage:

Das ist wie in diesem grossen Teilchenbeschleuniger, dem CERN, unter der Stadt  Genf. 

Wenn man vermutet, dass es Teilchen gibt, berechnet man sie und philosophiert darüber, aber das beweist noch gar nix … alles pure Theorie.

Also macht man ein Experiment und jagt, umhüllt von gewaltigen Magnetfeldern, atomare Teilchen mit Lichtgeschwindigkeit aufeinander zu und guckt mal was so passiert wenn sie aufeinander krachen.
Auf den Monitoren sieht man dann farbige Kurven der entstanden Bosonen oder Quarks oder Neutrinos oder wie das Zeugs sonst so heißen mag.


Ganz ähnlich entstehen Geschichten.

Auch dabei muss man Teile, in dem Fall Ereignisse, miteinander kollidieren lassen.


Erste Geschichte:

- EINE THEATERBÜHNE

- ALS KULISSE EINE LÄNGLICHE AUSTELLUNGSHALLE EINES MUSEUMS

- AN DEN WÄNDEN ÖLBILDER UND MARMORBÜSTEN AUF SOCKELN


Ein älterer Mann in Morgenmantel und Pantoffeln sitzt auf einem Stuhl und sinniert offenbar vor sich hin.

Das geht so einen Weile, nix passiert.

Das Publikum beginnt sich zu langweilen - räuspern, Sitze knaacken, hier und da ein Seufzer, dann getuschelte Gespräche.


Eine Tapetentür, die bis eben verborgen war, öffnet sich langsam. Vorsichtig schaut eine eine sehr junge, schöne Frau in Halle hinein, bevor sie die Türe ganz öffnet. Sie kommt langsam herein, nur mit einem gelben Bikini bekleidet und einem Gips am Bein humpelt sie an einer Krücke an dem Mann vorbei, begrüsst ihn beiläufig mit einem flüchtigen „Guten Tag“ wie man es zu einem Fremden sagen würde, setzt sich neben ihn auf einen freien Stuhl. Die beiden reden kein weiteres Wort miteinander. Stille!

Niemand im Publikum tuschelt mehr, keine Räuspern, kein Knaaken der Sitze.


„Päng-Bumm“ die Kollision hat stattgefunden.

Auf den Gesichtern des Publikums sieht man farbige Kurven der Ratlosigkeit, des Zweifels und hier und da … ein blassblaues Lächeln.


Für die Leser:Innen, die jetzt noch mögen, gibt es eine weitere Geschichte, die nur auf den ersten Blick nix mit der vorherigen zu tun hat.


Folgende zweite Geschichte ist „nur“ nacherzählt:

Es lebten ein Bauer und seinen Hausfrau in einem kleinen Haus zwischen ihren Feldern und Weiden.

Der Bauer bauerte den lieben langen Tag draussen herum und die Hausfrau wirtschaftete derweil im Haus.

Beide hatten doch recht zu tun und so dachten sie, es wäre gut, sie bekämen ein Kind, das ihnen später, wenn sie älter würden und nicht mehr so flink wären, zur Hand gehen könnte.
Da beide vernünftige und praktisch veranlagte Leute waren, kam so ungefähr neun Monate später ein Knabe auf die Welt. 

Die Mutter lamentierte ein wenig, hatte sie doch auf ein Mädchen gehofft, dass sie im Haushalt anlernen könnte. „Oh was für ein Unglück“ murmelte sie „nun werde ich den Haushalt weiter allein bewältigen müssen“ Ihr Mann aber beruhigte sie: „Ob Glück oder Unglück - das weiss man heute noch nicht“

Tatsächlich stellte sich der Knabe recht geschickt bei der Landarbeit an und bereits als er 16 Jahre alt war, nahm er dem Vater den grössten Teil der Arbeit ab, so dass dieser der Hausfrau im Haushalt helfen konnte.

Die Eltern waren so glücklich darüber, das die Mutter rief: „Oh was für ein Glück wir mit diesem Jungen haben.“ Ihr Mann aber sagte: „Ob Glück oder Unglück - das weiss man heute noch nicht“. Jedenfalls schenkten sie, in ihrer Freude, dem Jungen ein Pferd.

Eines Tages, obwohl der Junge ein guter Reiter geworden war, fiel er vom Pferd und brach sich beide Beine.

„Oh was für ein Unglück“ rief die Mutter. Ihr Mann aber beruhigte sie: „Ob Glück oder Unglück - das weiss man heute noch nicht“

Ein paar Tage später kamen Soldaten durchs Land, die nach jungen Männern Ausschau hielten, um sie in die Armee des Kaisers zu pressen. Sie trieben die Burschen zusammen, banden ihnen ein Seil um die Hälse und nahmen sie mit. 

Den Sohn des Bauern und der Hausfrau konnten sie jedoch nicht mitnehmen, denn wer kann schon mit zwei gebrochenen Beinen und einem Seil am Hals laufen.

Die Frau wollte grad jubeln darüber, doch sie gedachte der Worte ihres Mannes und alle drei schwiegen still.


Es geht weiterhin um Kollisionen !


Die dritte Geschichte ist sehr kurz, eigentlich nur ein einziger Satz:

"ALLES SEIENDE IST EIN ANFANG"


Obwohl alle drei Geschichten zusammengehören, das vermute ich jedenfalls ohne es berechnet zu haben und ohne all zu übermässig darüber zu philosophieren, weiss ich nicht so recht wie ich es beweisen soll. 

So bleibt mir nichts, als einen Katalysator zu benutzen, der die Reaktion, zwischen den aufeinanderprallenden Teilen, beschleunigt.


Ich schliesse also meine Augen und entspanne meinen Geist, während die junge Frau im Bikini an ihrer Krücke aufsteht, dem Alten ohne Worte den Rücken kehrt, durch die lange Halle des Museums hinab humpelt und ganz in der Ferne durch eine andere, bisher verborgende, Tapententür verschwindet.

/Schnitt/

Der Sohn des Bauern und der Hausfrau findet an einem nebligkalten Morgen ein leicht bekleidetes Mädchen mit einem gebrochenen Bein auf einer seiner Wiesen. 

Er nimmt sie mit heim und stellt sie seinen Eltern vor.


„Oh was für ein Glü …“


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Die Geschichte(n) entstanden nach und nach während 2 Wochen mit Rückenschmerzen, oberhalb der schmerzenden Stelle.

Heute dann -17.5. 2021- habe ich versucht die Bruchstücke zusammenzuschweissen.