27 Februar, 2021

Acting


Manchmal, wenn sich jemand über mich beschwert und leider muss ich sagen, oft haben sie nicht unrecht damit, dann witzle ich rum, dass sie mich ja nur ein paar Stunden oder Tage aushalten müssten, ich selber jedoch, mir Tag und Nacht ausgesetzt wäre. Nun ist es aber wirklich nur ein Scherz, denn so unangenehm finde ich mich eigentlich gar nicht und wenn ich denn mal genug hab von mir, dann kann ich ja immer noch jemand anderem auf den Wecker gehen. 

Was selbst einige meiner besten Freunde nicht wissen, ist, dass ich in den Neunzigern zwei Schauspielausbildungen machte.
Die Erste war Bestandteil einer Ausbildung zum Körpertherapeuten. Ich tappe sozusagen so ganz nebenbei in sie hinein und, obwohl ich nicht gerade grosses Talent zeigte, machte es mir doch Spass, in die Rollen zu schlüpfen und mal nicht nur Ich-selber zu sein.

Die Zweite jedoch suchte ich mir ganz bewusst, nahm regelrecht Unterricht in Schauspiel und Regiearbeit, jeden Samstag von 9:00 bis 16:00,  in einer Gruppe von vielleicht acht Schülern, probten wir und trafen uns unter der Woche noch zu zweit oder dritt, ohne unsere Lehrerin, um uns in unsere Rollen einzufinden.


Zurück zum Schauspiel. 

Obwohl ich nie auf einer richtigen Bühne vor richtigem Publikum, oder in einem richtigen Theater spielte und nie Geld damit verdiente, bekam ich doch recht schnell einen Einblick in das was Schauspieler so tuen und können - kurz gesagt eine klare Vorstellung über den Kern des Handwerks.

Nun ist es mit der Schauspielerei genau so wie mit jedem anderen Beruf, es gibt Talente, die mit etwas Fleiss und Ausdauer es zu verdienter Anerkennung bringen und es gibt Solche, die ohne diese drei Fähigkeiten bestenfalls ein schiefes Grinsen bei den Zuschauern hervorbringen. 


Mit dem Schauspielern war es für mich ein wenig wie mit dem Saufen.
Bis ich mit 16 Jahren in die Lehre kam, trank ich gar keinen oder wenn dann nur aus Verzweiflung, Alkohol - ich muss wohl nicht betonen, dass 16 ein Alter ist, in dem ein dürrer, pickliger Junge, der mit seiner ersten unerwiderten Liebe konfrontiert ist,  jeden Grund hat verzweifelt zu sein.

Als ich dann in die Lehre kam, meine Tage in der Werksatt oder auf Baustellen verbrachte, nötigten mir die Kunden oder die Arbeitskollegen immer wieder ein Bier auf und im Winter - wegen der Kälte versteht sich - noch das eine oder andere Schnäpschen.

Innerlich und äusserlich noch ein schlaksiger und unsicherer Bengel, der kaum einen zusammenhängenden Satz hervorzubringen wagte, verhalf mir der Alkohol zu einer ausreichenden Portion Humor und Schlagfertigkeit, dass ich mich, nach und nach, in die Erwachsenenwelt einlebte, hinlänglich Anerkennung bekam und doch wenigstens ein wenig Spass im Umgang mit anderen Menschen fand.


Zurück zum Schauspiel.

Wie gesagt, stolperte ich in die erste Schauspielausbildung so nolens volens hinein. Ähnlich meiner Erfahrungen mit dem Alkohol, nahm ich die Bühnenarbeit zuerst nur mit Angst und Ablehnung an. Dann aber - mit den ersten milden Erfolgen - kam eine gewisse Trunkenheit über mich, die etwas von der Lust am Risiko in sich trug, aber ebenso den Genuss des inneren Wandels von meinem AlltagsIch zu einem Irren oder einem König einer Katze oder einem Kind.
Es ging nicht so sehr darum, mich selber los zu sein, sondern, eher wie eine Schlange mich zu häuten und die alte Haut abzustreifen und die neue, geschmeidige, fremde und noch feuchte Haut der Rolle auszuprobieren. Es hatte etwas von Loslassen, Vergehen und wieder neu Werden. 

Denn wir alle haben verschiedene Rollen in uns und sind so viel mehr als nur das eine Individuum, für das wir uns irgendwann mal, aus Gründen der Bequemlichkeit oder der vorhanden Möglichkeiten entschieden haben und als das wir jeden Tag aufstehen und in die Welt hinaus gehen.


Gib dem Idioten in Dir Raum, dem Löwen, dem Tolpatsch, dem Buchhalter und dem Abenteurer, sei Huckleberry Finn oder Spiderman, eine Tunte oder die Tante, der Direktor eines Grosskonzerns oder Van Gough. 

Sehe und spüre Gelüste und Triebe in Dir nach oben schwimmen, von denen Du keine Ahnung hattest oder gib ein gekonnt-legeres “Na und!?” zurück, in einer Situation nach der Dein AlltagsIch verzweifelt nächtlang wach liegen würde. 


Heute, über 20 Jahre nach diesen Tagen in diesen vier Sommern, die ich auf der Bühne verbrachte, heute, lange nach diesen Zeiten, in denen Ich nicht immer Ich sein musste und wollte, retten mir meine Erfahrungen von damals immer wieder Mal den Arsch.

Der Ausbilder bei dem ich die damals Körpertherapie lernte und der mein erster Schauspiellehrer, war, sagte immer: “Für diese Ausbildung gibt es keine Medaillen, sondern bestenfalls Strafzettel.”


Es ist wohl so, manchmal bin ich für andere nur schwer auszuhalten, aber ich kann, wenn ich will, auch anders - und darin - in dieser meiner Wahl - existiert eine Freiheit, die so endlos ist wie der Himmel über der Prärie. 




Geschrieben in einem Rutsch ohne lange nachzudenken am 27. Feb. 2021 auf meinem Sofa






15 Februar, 2021

Praying

 




Am Anfang war das Wort:

“SCHEISSE - mein Gott”

fluchte ich, als mir mein Dal anbrannte, weil ich mich von meiner Süssen ablenken liess.
Aber die Ebendiese kritisierte mich sofort.

Ich würde ja doch eigentlich an keinen Gott glauben, sagte sie, aber fluchen würde ich schon in seinem Namen ?!
Man achte auf die beiden (?!) abschließenden Satzzeichen oben und füge einen scharfen, verhörartigen Unterton hinzu … … ja, etwa so.


So stehe ich fassungslos … und ich meine "fassungslos" im Sinne von emotionaler Ratlosigkeit … vor dem Phänomen, dass Menschen … sehr viele Menschen … also eigentlich fast alle, an irgendeinen Gott glauben.
Bei meinem Wort: ich kann das nicht nachvollziehen, wie kann ein normal begabter Mensch sich einbilden, da wäre ein “ES” oder Irgendwas sonst, das er verehren oder anbeten oder sich Rat dort holen müsste.


Natürlich muss ich ein paar Erklärungen abgeben zu diesem Thema.
1. Die Religion, die mir am wenigsten gegen den Strich geht, ist der Buddhismus. Denn hier gibt es keinen Gott, sondern eigentlich nur Weisheiten, die Buddha durch Meditation und innere Einkehr formulieren konnte und gegen Weisheit kann man ja nun nix einwenden. Gegen die Zeremonien auch nicht … aber die sind - erproptermaßen - nicht meines.

2. Das Andere sind alle Naturreligionen die keinen Gott anbeten, sondern sich einfach an den Gegebenheiten des Außen orientieren. Ein Berg wird als eine Wesenheit gesehen … was er de facto ja auch ist. Es ist ein aus unserer Erde gewachsenes Gebilde durch Kontinentalverschiebung, Vulkanismus und Erosion geformt, auf dem ein durch Evolution entstandenes stark verknüpftes Netz von Lebewesen miteinander interagiert und von dem Wasserdampf aufsteigt und Bäche herunter fliessen, die hier oder dort wieder zur Erosion beitragen und Pflanzen tränkt.


Das wars dann aber auch schon mit meinem Verständnis für Religionen.


Wie ich also corona- und ferienbedingt so auf meinem Sofa liege und mich an seine weise Rückenlehne kuschele ist es … nach ein paar Stunden … in denen ich wohl ab und zu einschlief und wieder erwachte … völlig unbeeinträchtigt von irgendwelchem Müssen oder Wollen … dass mir der Verdacht kommt, dass die Menschen sich so weit entfernt haben von dieser Wesenheit der Weisheit des buddhistischen und der Wesenheit eines Berges, das ihnen jedes Unglück erscheinen muss wie etwas Fremdes, dass unverdientermassen über sie hereinbricht. Sie könnten sich nicht mehr in einen Zusammenhang stellen mit den Unbilden des Seins, mit dem Vergehen, den Schmerzen und dem Leid, dass zum Leben gehört wie der Tod, der irgendwann beides beendet. Schlimmer noch, sie wollen nicht mal für ihr Denken und Handeln und dessen Folgen die Rechenschaft übernehmen, auch dies scheinen ihnen oftmals als ein Unglück, das ausserhalb ihrer Reichweite und Verantwortung liegt.


Da macht sich so eine Gottheit, der man die Schuld geben kann, wenn die Ernte verwüstet wird oder ein geliebter Mensch stirbt gut … da man, in dieser tatsächlich furchtbar schmerzhaften Situation, gern jemanden hat, den man verantwortlich machen kann. 

Wer aber eignet sich dafür besser als eine erfundene Person?
Denn der Nachbar würde sich wehren gegen solcherlei Vorwürfe (so er denn unschuldig ist) der Onkel aus dem Nachbardorf ebenso.


Also erschafft man sich Einen der das alles verursacht.

Das hat mehrere Vorteile:

  1. wie dargestellt, ist man selber damit nicht schuld

  2. kann hat man ein Erklärungsmodell gefunden für Vorkommnisse auf die man selber keinen Einfluss hat

  3. kann man versuchen mit der imaginären Person zu verhandeln, das nennt man dann beten oder dem Es Opfer bringen.

  4. man kann, so die Bete- und Opferei denn Erfolg hat und das wird sie irgendwann nach der Wahrscheinlichkeitstheorie haben müssen, dankbar sein und das Beste hoffen für die Zukunft und immer brav weiter beten und opfern.


Nun hat die Sache aber einen kleinen Haken:
Wenn denn dieses “ES” immer an allem Schuld ist, dann wird der Mensch natürlich irgendwann stinksauer auf das verdammte Miststück und wird den Teufel (auch so ein “ES”) tun, den imaginären Drecksack weiter anbeten oder ihm gar das beste Schaf zu opfern. Sondern Mensch beginnt ihn zu hassen und der Hass - wie übrigens auch im richtigen Leben, also auch ohne eine imaginäre Person, wird sich ausbreiten und zur Pest werden. Wilhelm Reich nennt es die “emotionale Pest”
… aber bleiben wir mal einfach:
Ein “ES” da oben (oder da unten) kann nicht existieren … in unserer Einbildung … wenn es nur böse ist.


Was tut also der nicht so kluge wie er denkt Mensch?

Er bastelt um das “ES” herum eine Art von mystischem Gesamtzusammenhang.

Es ist ein strafendes “ES”, aber “ES” belohnt das dümmliche Menschlein auch, wenn es Dies oder Das tut oder lässt.
Bim Bam Bumm … fertig ist das religiöse Gebäude, in dem sich prima leben lässt.


Aber wie alles in diesem Universum, es geht nix verloren.
Schuld kann man zwar wegschieben zu jemand anderem, sogar zu jemanden den es nicht gibt, aber sie kommt zurück, umgeformt in die Schuldigkeit gegenüber der ausgedachten Gottheit … aber das scheint dem Menschlein doch noch lieber zu sein, als die Verantwortung ganz zu sich zu nehmen.
Zum Kotzen oder ?!


Da mich das immer auch an die Konstellation Mami und Papi erinnert, dieses imaginäre Wesen mit seinem Konstrukt aus Bestrafen und Belohnen oder dem wohligen Gefühl, alles richtig gemacht zu haben, wenn es denn mal alles gut gegangen ist, das mag man gern meiner Erziehung und Kultur anlasten. Aber ich fürchte, da ist meine Erziehung und unsere Kultur nicht die Einzige.


Das sich überdies ein paar fette Schweinebacken aufgrund der gut Gläubigkeit (ja liebes Rechtschreibprogramm das ist so Recht) bereichern, steht auf einem anderen Blatt oder ist eine Fußnote, die sich aufzugreifen sicher gut anfühlen würden … aber nicht jetzt.


Nun also habe ich mich ein wenig in Rage geschrieben.


Kommen wir zurück auf mein Sofa und dessen weise Rückenlehne.

Wie ich also da so liege - irgendwo zwischen Schlaf und Wachheit - die Ereignisse der letzten Woche an mir vorüber ziehen, wie Wolken am Himmel bei einer angenehmen Brise, wird mir klar, was ich eigentlich so tue um mein Leben zu bewältigen. 


Dazu muss ich aber leider nochmals ein wenig ausholen in meine Vergangenheit.

Einer der ersten Sätze die ich je sprach, jedenfalls nach übereinstimmenden Aussagen meiner Eltern und Großeltern war: “leine matten” das heisst aus der Kindersprache übersetzt: 

“Allein machen”.
Mein Vater hat das halb im Scherz, aber auch wohl halb mit Schmerz bis zu seinem Tod immer mal wieder betont, dass ich sehr früh begann mich gegen die elterliche Fürsorge … und damit meine ich vor allem die emotionale Fürsorge, das Betüdeln, wie man in Norddeutschland sagt, oder das dann auch das unnötig Eingreifende und damit Übergriffige, aufzulehnen.


Der Rückschluss, dass mir mein Töpfchen und die damit einhergehenden Strategien meiner Eltern verhasst waren und ich deswegen tatsächlich  außergewöhnlich früh stubenrein war, ist nun eine gewagte Vermutung meinerseits, aber diese ist anhand meines weiteren Werdegangs nicht so einfach von der Hand zu weisen.
Jedenfalls bestand ich sehr früh drauf, meine “Geschäfte” eigenständig zu erledigen und das ist bis heute - und jetzt dann meine ich alle Geschäfte - so geblieben.


Für deren Abwicklung brauche ich sicher manchmal Hilfe - die ich mir auch selber organisiere - aber verantwortlich für das was klappt, aber auch den Mist der oft dabei rauskommt, trage ich bewusst ganz allein.


Dafür muss ich weder ein imaginäres “ES” bemühen noch muss ich beten - ausser mal zu mir selber - “Oh Mann ich wünschte ich wäre nicht so blöd” zum Beispiel … noch muss ich dafür irgendwas oder irgendwen opfern … ausser vielleicht meine Zeit … aber mal ehrlich: 

Die läuft auch ohne das weiter und irgendwann AB.


Während ich das also so im Halbschlaf alles vor mich hin denke, schlagen sich die religiösen Idioten dieser Welt gegenseitig die Schädel ein, weil der Eine an das “ES 1.1” glaubt und der Andere an das “ES 1.2”.

Das wäre mir ja eigentlich wurscht, wenn sie sich gegenseitig umbringen, die Deppen, jeden Tag ein paar weniger von Denen, das würde mich enorm beruhigen ... und ... natürlich meldet sich just dazu jemand aus der hinteren Sitzreihe und brüllt mich durch den Saal an: 

"Verdammter menschenverachtender Fatalist". 

Ich aber, der ich noch nie jemandem wegen seines Glaubens umgebracht habe und das auch nicht vorhabe, muss mir das von den Deppen (ich hab mich wohl auf diese Bezeichnung eingeschossen) nicht sagen lassen.


Wo waren wir?


Ach ja! Solange sich die Deppen nur gegenseitig abschlachten, wäre mir das Einerlei. Aber wenn sie dann auch noch Menschen umbringen, die mit dem ganzen GötterHirnWichse gar nix zu tun haben wollen, die einfach nur ihr Leben leben möchten, dann ... ja dann ... werde ich richtig sauer.


So tendiere ich dazu, fast ganz zum Schluss, ein mir passend scheinendes Zitat von
Kara Ben Nemsi (*1) hervor zu nehmen:

“Allah hat ihnen ihre Schädel mit Kamelmist gefüllt”


Das ist gut gemeint von Herrn Ben Nemsi, aber es kommt noch dicker. 

Wenn ja alle diese Gottesanbeter/Innen wenigstens dumm wären, dann könnte ich ja milde über sie lächeln oder ihnen im Ernstfall mal die Leviten lesen. Leider ist es aber so, dass sie oft gar nicht dumm sind, sondern eigentlich ernstzunehmende, manchmal sogar recht liebenswerte Menschen.


Nur das gelingt mir, mit jedem Tag schlechter, - und nun je älter ich werde - wohl bald gar nicht mehr:

Sie ernst zu nehmen, in ihrer endlosen hirn- und herzverhängenden Verwirrung.



(*1) Kara Ben Nemsi nennt sich der Ich-Erzähler in den Orient-Romanen von Karl May.
… nein! ... nicht Karl Marx … diesmal !



Geschrieben zwischen Dezember 2020 und Februar 2021 in Zeiten von Corona auf dem Sofa.
Veröffentlich am 16.2.2021
Überarbeitet am 17.2.2021




31 Oktober, 2020

WORKING


Der Sommer ist vorbei.

Ich habe mir angewöhnt, am Anfang der warmen Monate und in der Mitte des Sommers meine Ferien zu nehmen. Jetzt ist Herbst mit nur einem Ausgang: dem Winter.


Keine Ferien mehr in Sicht.

Das sind zwei so unvereinbare Welten - die  Zeit des FreiSeins und die unsäglichen langen Monate des Eingepresstseins in die Arbeitsbedingungen.


Als ich vielleicht 6 oder 7 Jahre alt war, gehörte ein Zwillingspärchen zu meinen Freunden. Zwei Mädchen mit denen ich zur Schule ging, beide mit der gleichen Bubikopffrisur und den selben Kleidchen und den identischen Schuhen sassen sie neben mir in der 1. Klasse bei Frau Orth in der  Grundschule.

Sie faszinierten mich … diese gedoppelten Menschlein … und  süss fand ich sie … doppelt süss.

So wurden wir drei Freunde und luden uns zu unseren Geburtstagen ein und spielten zusammen und ich sass zwischen ihnen im Matsch der Baustelle vor dem Haus, sie in Kleidchen und Lackschuhen und ich in Cordhose und Sandalen. Wir bekamen alle drei Ärger, nachher mit den Eltern. Während ich aber … mehr oder weniger … darauf schiss und weiter im Matsch sass und Ärger bekam … wurden die beiden Mädels sittsam und ordentlich und weigerten sich mit mir die Baustelle zu besuchen.


Stattdessen luden sie mich ein, sie daheim zu besuchen. Ich konnte sie, im Gegensatz zu meinen Lehrern und Mitschülern, ganz gut auseinanderhalten. 

Susanne war etwas zarter, aber auch zäher, härter und konfrontativer, was sich in iher Mimik ausdrückte. Beate hingegen war lieblich und nahbar und konfliktscheu, sie war die, die sich manchmal an mich drückte und scheu lächelte und dann schnell wegschaute. Ich mochte sie beide.


Was ich aber eigentlich erzählen wollte, ist, dass, als die beiden nicht mehr neben mir im Matsch zu sitzen trauten, und ich zu ihnen heim in ihre Kinderzimmer musste …


…diese Mädchenzimmer, jede hatte unglaublicherweise ein eigenes Zimmer, waren rosa und lindgrün … ein unbekanntes Universum in dem ich mir vorkam wie ein Pavian im Louvre … es machte mir Angst und gleichzeitig machte es mir grosse Augen …


Die Eltern von Susanne und Beate waren wohl ziemlich reich … denn  sie wohnten an der Strasse die zum Schloss führte … wo nur die „besseren Leute“, wie meine Oma sie nannte, wohnten. Das waren Leute mit grossen dunkelblauen Autos und Schäferhunden und ohne Untermieter.


… also wir sassen in diesem Kinderzimmer und ich war gespannt, was die beiden mir denn nun zu bieten hätten, was besser wäre, als der Matsch an der Baustelle. Denn nach meiner Erfahrung -damals- gab es nichts besseres als mit zwei Mädels dort zu sitzen, den Dreck zwischen den Fingern zu spüren und den Straßenarbeitern beim Graben und baggern und Teer kochen zu zu gucken.


Susanne stand auf und ging zu einem Vorhang der vor einem Etwas hing - sie zog ihn beiseite und dahinter kam eine Art Puppenhaus zu Vorschein, ein kleiner Tresen, mit einer kleinen Registrierkasse drauf und einer Waage im Miniaturformat und hinter dieser mit einer Wand aus Regalen in denen winzige Holzklötzchen standen. Beeindruckend echt bedruckt mit den Repliken der bekanntesten Produkten der damaligen Zeit.


Es gab Persil und OMO und Tchibo und Coca Cola, es gab Brote und Würste aus Holz und Plastik ganz echt bemalt und Weinflaschen und Käsestücke

Die Cola als Plastikfläschchen in Holzkästchen in Zentimetergrösse und Sahnetorten mit seperaten Stückchen in der Grösse eine  5,- DM-Stückes


Susanne  verteilte die Rollen. Beate und ich waren Papa und Mama und hatten ein Baby dargestellt durch Beates Lieblingspuppe. Der Plot sah vor, das Susanne die Ladenbesitzerin war und wir bei ihr einkauften.

So drückte Beate sich an mich, nannte mich Liebling und hakte sich mit dem einen Arm bei mir ein, während sie auf dem Anderen unser Kind hielt.

Es war nicht ganz klar, was wir kaufen sollten und meine Ehefrau sah mich etwas ratlos an.

"Fleischsalat" entschied ich kurzerhand… weil, den mochte ich gern.

"Ham 'wa nich" gab die Ladenbesitzerin etwas barsch zurück.

"Windeln" sagte Beate "Für unser Baby"

"Ham wa auch nich" sagte Susanne "Aber Waschpulver, zum Windeln waschen, das ham wa da" fuhr geschäftstüchtig fort.

Wir nahmen also ein Mal Persil und einmal Tchibokaffe und Milch und Zucker.

Susanne tippte alles korrekt in ihre Registrierkasse ein. "14 Mark Fünfzig, bitte" sagte sie.

Ich gab ihr zwei 10DM Scheine und sie gab uns raus.

Damit war das Spiel zu Ende. Es gab noch ein paar Variationen in denen aber Susanne immer die Ladenbesitzerin war, lediglich Beate und ich wechselten die Rollen.


Nachdem wir einige Einkäufe gemacht hatten, wobei die gekauften Waren gleich nachher wieder in die Regale geräumt wurden, gab es noch "Kaffee&Kuchen" im Café nebenan des Kaufmannsladen, aus der Puppenküche.

Die winzigen Tässchen waren ebenso leer wie die Waschmittelkartons im Laden gewesen wären und der Kuchen war die Torte aus dem Laden.


Die Mädels waren wirklich voll ausgerüstet! 

Bei mir jedoch blieb eine Mischung aus Langeweile und beinahe tastbarer Sinnlosigkeit zurück.

Das machte nicht wirklich so viel Spass wie die Nachmittage auf der Baustelle, wo alles echt war 

, statt dieses blöden fünften Mals den selben Kafi zu kaufen mit den selben Geldscheinen zu bezahlen. Das einzig schöne war, dass Beate die ganze Zeit an mir hing und mich bei jeder sich bietenden Gelegenheit küsste. Aber in dem Alter hatte das offenbar nicht den selben Stellenwert für mich, den es ein paar Jahre später haben würde.


Nachdem ich die Zwillinge, eine Weile später, doch noch, ein letztes Mal, rumkriegte, mit mir wieder auf die Baustelle zu gehen und im Matsch zu hocken und den fluchenden Arbeitern zuzugucken, gab es wohl Ärger zwischen meinen Eltern und denen von Susanne und Beate.

Ich durfte jedenfalls nicht mehr  mit den beiden spielen, auch nicht bei ihnen zuhause in den rosa und lindgrünen Mädchenzimmern.


Sie fehlten mir zwar, vor allem Beates Nähe, aber damals war es leicht neue Freunde zu finden und so vergass ich sie nach und nach … fast.


Was aber blieb, war dieses Gefühl von Langeweile, das mich bei allem Geschäftlichen überkommt.

Mir ist jede Form von Handel und Büroarbeit ein unendlicher Graus und diese ganze kapitalistische Welt erinnert mich immer wieder an diesen Kinderkaufladen von Beate und Susanne.


Dann hab ich, vor ein paar Jahren, bei Herrn Waldner, in einer kleinen Garage, irgendwo im Luzerner Hinterland, ein Auto gekauft.

Sicher! … er wollte mir was verkaufen und war auch deswegen freundlich und kommunikativ.

Aber da war mehr … als ich ihm erzählte, dass meine Mutter ins Altersheim muss, sagte er einfach: “Tut mir leid” … von da an war er keine Verkäufer mehr, sondern ein Bekannter.

Nachdem der Vertrag schon unterschrieben war, hatte der Wagen einen kleinen Mangel, der noch unter die von Herrn Waldner gegebene Garantie fiel. Er brachte das in Ordnung, ohne Diskussion ohne Zögern und fragte dann: “... und wie gehts Ihrer Mutter im Altersheim?”


Lange danach haben wir noch mal telefoniert, weil ich ein neues Auto brauchte. ER wusste sofort wer ich war, erkundigte sich nach meiner Mutter und nach dem Auto, das er mir verkauft hatte und erzählte, dass er nun den Betrieb seinem Sohn übergibt und in Rente geht.


Kapitalismus geht auch anders.


Aber eigentlich wollte ich ja über das  Eingepresstseins in Arbeitsbedingungen erzählen.

… - 

aber wenn ich`s mir grad recht überlege, dann hab ich das wohl getan ...


However!

hier kommt noch mein derzeitiges Lieblingsrezept:




13 September, 2020

Smoking

Theodor Beste hat den 2. Weltkrieg angefangen.

Aber das war lange vor meiner Geburt. 


Dann aber, ich war wohl damals wohl so 4-5 Jahre alt, sass ich mit meinen Eltern im Wohnzimmer unserer Mietwohnung und wartete auf Theo, wie er allgemein genannt wurde, denn Theo war unser Vermieter.
Er kam einmal im Monat um die Miete zu kassieren und Haferflocken zu bringen und eine Zigarre zu rauchen. Ein grober Typ, der Theo, großgewachsen und schlank mit einem polierten Glatzkopf und kantigem Gesicht.
Heute, knapp 60 Jahre später, sieht er, in meiner Erinnerung, so aus, wie die Neo-Nazis heute im Fernsehen.
Er zwickte mich immer in die Backe, führte ein Erwachsenengespräch mit meinem Vater und versuchte meine Mutter auszuhorchen, ob wir denn im Haushalt wirklich nichts anderes als Haferflocken benötigten. Sie verneinte mit grossem Durchhaltevermögen, beteuerte, dass wir sonst alles hätten und die Kinder seien ja noch klein und ässen so gern Haferflocken mit Milch und die Milch bekämen wir ja schon von den Ziegen vom Nachbarn gegenüber.
Theo Beste hatte nämlich noch einen Lebensmittelladen und versuchte bei seinen Mietern sich einen kleinen Zusatzverdienst zu erwirtschaften indem er sie nötigte bei ihm einzukaufen.
Alter Dreck sei das, was er verkaufe, sagte meine Mutter, wenn Theo wieder gegangen war, und teuer obendrein, der Halsabschneider, ergänzte sie … aber Haferflocken würden ja nicht schlecht … deshalb … eben … die Haferflocken. 


Dieser Kerl, der mich kniff, unser Wohnzimmer verqualmte und meine Mutter belagerte, hatte also den grossen Krieg angezettelt, von dem alle schwiegen, der gerade dadurch aber noch fast greifbar war.
Nur meine Mutter erzählte von der “schlechten Zeit” von Bomben und Hunger und von ihrem Nachbarn, dem der Kopf weggerissen wurde, weil er ihn aus dem Bunker gesteckt hatte.


So fragte ich sie eines Tages, warum die Leute damals sowas gemacht hatten.
Sie schaute mich etwas irritiert an, vielleicht hatte sie diese Frage von mir nicht erwartet oder - und das scheint mit heute wahrscheinlicher - sie wusste die Antwort nicht.
Ein sehr böser Mann, habe den Krieg angefangen, erklärte sie mir und ich glaube mich zu erinnern, dass sie weinte.


Ich kannte nur einen einzigen bösen Mann, damals: Theo Beste
Ja, ich war ganz sicher, er musste es gewesen sein, nur er hätte so etwas Furchtbares 
tun können. So stellte ich mir den Glatzkopf mit qualmender Zigarre in der einen Hand vor, wie er versuchte den Ausgebombten allen möglichen vergammelten Scheissdreck anzudrehen.


Meine Eltern rauchten beide, meine Grosseltern mütterlicherseits auch.
Der Vater von meiner Mutter ist dann an Lungenkrebs gestorben. 
Aber das war so um 1964 und niemand sah da einen Zusammenhang und alle rauchten weiter, als sei nichts passiert. 
Aber es war etwas passiert: meine Opa war gestorben, den ich sehr gern hatte.
Denn für eine Weile - es mögen wohl ein paar Wochen oder Monate gewesen sein, war ich bei eben diesen Grosseltern einquartiert. 
Die beiden kümmerten sich gut um mich, sie waren so ganz anders als meine Eltern, was ich sehr genoss. Damals war ich noch sehr jung - aber daran erinnere ich mich genau.


In der Wohnung über meinen Großeltern wohnte die Familie Mutschinski.
Vater, Mutter zwei vierschrötige, erwachsene, rüpelhafte und rumlümmelnde Söhne und eine spindeldürre, schwindsüchtig ausschauende, spätpubertäre Tochter. 
Fünf Menschen in einer Dreizimmerwohnung und alle rauchten Kette. 
Manchmal nahm mich meine Oma mit rauf zu “Muschi” wie sie Frau Mutschinski nannte. 
Dann sassen sechs qualmende Erwachsene und ich Zwerg, um den Küchentisch und sobald Einem die Zigarette zu Ende ging, steckte er - oder sie - sich mit der noch glimmenden Kippe sogleich die Nächste an.
Mutschinskis Wohnung war gelb.
Ein krankes, blasses, ins Grau changierendes Gelb, dass wie ein fetter Überzug auf Allen und Jedem lag. Der Kühlschrank war gelb, die Gardinen sowieso, die weissen Oberhemden der Jungs waren gelb, der Platte des Esstisches war gelb, das Trinkglas, in dem ich regelmäßig Apfelsaft bekam von “Muschi”, war gelb, die grauen Haare von den beiden Alten waren gelb und die langen Fingernägel des ewig hustenden Töchterleins waren gelb und ihre Zähne hinter den rot verschmierten Lippen auch. 


Meine Oma rauchte bis sie eine alte Frau war und meine Mutter hörte auf, als sie ihre erste Chemotherapie bekam, das war in den 90ern.


Als ich noch daheim lebte, war an der Aussenwand des übernächsten Hauses eine Zigarettenautomat angeschraubt. Fast abendlich drückte meine Mutter einem von uns Kindern ein paar Münzen in die Hand … ich glaube damals 2 DM … und schicke uns los um dort Zigaretten zu ziehen. 
Ja, “ziehen”, denn der Automat funktionierte rein mechanisch.
Wenn ich auf den Zehenspitzen stand und ein Geldstück einwarf, folgte ein deutlich wahrnehmbarer Klicklaut, dann dauerte es eine Sekunde, bis man hörte wie die Münze weiter nach unten fiel, ganz zum Schluss schepperte sie metallisch im Münzbehälter, man konnte sogar hören ob der voll oder leer war … das Scheppern war immer anders.
Erst dann durfte man eine der Schubladen ziehen, über denen die Schächte mit den verschiedenen Marken standen.


Peter Stuyvesant - “Mit dem Geschmack der grossen, weiten Welt” musst ich holen - nichts anderes … ich war ziemlich zuverlässig glaube ich.
Aber manchmal klemmte die Mechanik, entweder fiel eins der Geldstücke nicht in den Münzbehälter, sondern kam an der Münzrückgabe wieder raus, dann musste man es an der Aussenfläche des Automaten reiben und zwar beidseitig, der beige-gelbe Lack war an einer Stelle schon abgerieben, das blankgescheuerte Metall setzte, wegen des ständigen Gescheuers, keinen Rost an.
Oder es kam auch vor, dass die Schublade von Herrn Peter Stuyvesant sich nicht so weit raus ziehen liess, dass ich die Packung mit den Zigaretten raus bekam.
Dann musste ich meinen Vater holen, der lamentierend über alle beschissenenen Mechaniker dieser Welt neben mir her zum Automaten stapfte. 
Er hatte natürlich mehr Kraft als ich Knirps. Er riss die Schublade einfach auf und grinste mich, während er mir das Päckchen in die Hand drückte, säuerlich an.


Meine erste Zigarette klaute ich bei meiner Mutter. 
Mir war klar, ihren Vorrat an Stuyvesant hatte sie fest im Blick, aber dann schenkte ein Gastarbeiter, mit dem mein Vater sich angefreundet hatte, ihr griechische Zigaretten ohne Filter. Sie rauchte wenige davon, wohl mehr aus Höflichkeit, danach verschwanden sie in der Schrankschublade. So nahm ich dort ein paar raus, sozusagen unter ihrem Radar.


Wir - ein paar Schulkollegen und Freunde rauchten sie im Wald.
Nein, uns wurde nicht schlecht … aber es brannte im Hals … und mir schien es völlig unverständlich, warum meine Eltern das gern hatten. 


Sie, meine Eltern, rauchten auch im Auto wenn wir in den Urlaub fuhren, sie rauchten in der Küche im Wohnzimmer und ich glaube, meine Mutter rauchte sogar im Bett.
Ich habe das als Kind und junger Erwachsener immer als natürlich empfunden - man raucht halt, Punktum !


Die Betreuerinnen im Kindergarten rauchten, die Lehrer in der Schule rauchten … wohlgemerkt 
IN der Schule! Das waren die 60er Jahre.
Herr Leclerc, mein Grundschullehrer, ging paffend vom Pausenhof die Treppe nach oben und erst kurz vor der Türe zum Klassenzimmer konnte er sich nach einem letzten tiefen Zug von seiner Zigarette trennen. Er öffnete das immer selbe Fenster und warf sein Kippe 2 Stockwerke nach unten auf den Rasen, wo sich im Lauf der Zeit eine weisse Fläche aus Zigarettenpapier bildete, ausgedünnt und verstreut nur durch den Rasenmäher des Hausmeisters.


Ich rauchte nicht, bis ich mit meinem Zivildienst anfing am Ende der 70er Jahre. 
Meine ersten Versuche mit den geklauten Griechischen hatten mich für eine Weile immun gemacht. 
Während des Zivildienstes lockte aber etwas Anders, Dope.
Wir bastelten und rauchten mit Leidenschaft Joints und so kam der Tabak durch die Hintertüre wieder zu mir. Zum Glück vertrug sich Shit nicht gut mit mir, meine Erlebnisse damit wurden von Mal zu Mal grenzwertiger und so hörte ich ganz damit auf.


Der Tabak aber blieb, vor allem weil so gut wie alle Freunde rauchte. 
Wir rauchten in ihren Zimmern, in der Küche in meinem Zimmer und auf dem Klo.
Wir rauchten in der Hochschule - wohlgemerkt IN der Hochschule, während der laufenden Vorlesungen. Die Studenten rauchten, Dozenten rauchten, die Angestellten rauchten und in den Aufenthaltsräumen wurde geraucht.
In der Mensa war das Rauchen dann aber doch nicht mehr erlaubt, aber der Qualm drang aus dem Foyer dick herein. Das war in den 80ern und so langsam wurden die Nichtraucher mehr und selbstbewusster und es wehte wirklich ein anderer Wind.


So lange ich einigermassen klar war, rauchte ich wenig, alle paar Stunden Eine, in Gesellschaft etwas öfter, wenn ich Alkohol trank, dann rauchte ich deutlich mehr und wenn ich allein in meiner Wohnung war, dann gar nicht.
Anfang der 90er hörten die ersten Raucher unter meinen Freunden auf mit Zigaretten und beim Job war das Rauchen in den Arbeitsräumen verboten. Es gab nun private Partys, bei denen die Leute, die dort wohnten, drum baten, auf dem Balkon zu rauchen und nicht in der Wohnung. Ich fand das damals lächerlich, rauchte weiterhin wenig aber regelmässig.


Ich erinnere mich, ich lebte damals noch allein in einer 2-Zimmer Studentenwohnung und lud zu einem Geburtstag eine Menge Leute zu mir ein. Den Fussboden meiner Wohnung hatte ich nach dem Einzug, weiss lackiert, man sah jede Fussel, jeden Fleck darauf.
Als die ersten Gäste fragten ob ich einen Aschenbecher habe - ich vermute ich war da schon nicht mehr ganz nüchtern - sagte ich sie sollten einfach auf den Boden aschen.
Ein echt saublöder Fehler - den feinen Staub von der Asche hab ich nachher nie mehr aus der Wohnung gebracht, obwohl ich sie komplett mehrmals putze und alle Kleider aus den Schränken wusch.


Damals gingen die 80er zu Ende, meine zweite Langzeitbeziehung auch. 
So tobte ich mich ein paar Jahre ziemlich aus. 
Alle die Geliebten rauchten mehr oder weniger. 
Am heftigsten aber Brigittchen. Sie qualmte wo sie ging und stand, die brennende Kippe lag auf dem Waschbeckenrand wenn sie ihre Zähne putzte oder duschte, sie rauchte vor dem Sex und der erste Griff, nachdem sie mich los gelassen hatte, galt der Packung Marlboro Light, die immer in ihrer Reichweite war. Manchmal brannten mehrere ihrer Zigaretten gleichzeitig in der Wohnung, weil sie vergessen hatte, dass sie bereits eine angezündet hatte. Der, meist volle, Aschenbecher stand stets neben ihrem Bett, Tag und Nacht und sie leerte ihn erst, wenn beim Ausdrücken der Zigarette die Kippen über den Tisch kullerten.
Die Zeit mit Brigittchen ging zu Ende ... nicht wegen des vollen Aschenbechers ... das hatte andere Gründe und das ist eine andere Geschichte.

Audrey Hepburn und George Peppard "Frühstück bei Tiffany" Regie Blake Edwards 1961

Ich rauchte die ganzen 90er hindurch, wenig aber regelmässig, daheim jetzt dann auf dem Balkon, weil meine damalige Freundin nicht rauchte


Auch im neuen Jahrtausend rauchte ich weiter. Die ersten Verbote kamen, man durfte in den Kneipen und Restaurants nicht mehr rauchen und plötzlich fragten sich alle, wie sie das so lange ausgehalten hatten, den Gestank, den Qualm und die Ignoranz der Raucher.


Dann war Schluss.
Ich sass mit einer Freundin auf dem Balkon, schaute die halb runtergebrannte Kippe an und dachte: “Eigentlich brauch ich das gar nicht … “ ich machte sie aus und nie wieder eine an.
Das war am Anfang des zweiten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts.


Heute kann ich den Geruch von brennendem Tabak nicht mehr ertragen … in geschlossenen Räumen sowieso nicht ... und im Freien brauche ich 1-2 m Abstand.
“Warum denn das?” fragte mich ein Freund, der immer noch raucht und immer alles in Frage stellen muss.
Gute Frage!
Na ja, das Rauchen und ich, wir haben eine Geschichte miteinander.

P.S. für die, die meine Geschichte kennen, aus ihrer eigenen Perspektive, möchte ich hier anmerken, dass dies zum Teil Erinnerungen eines kleinen Kindes sind und so vielleicht nicht vollends die Tatsachen abbilden, geschweige denn, den grösseren Zusammenhang.
Die Namen in der Geschichte, die ich nicht änderte, sind die Namen von Menschen, die wohl schon lange nicht mehr leben. 
Alle anderen bekamen andere Namen von mir.