13 August, 2019

Viewing

Roadtrain ... beim Sandfire Roadhouse, Western Australia


Vor vielen Jahren sprach ein Freund vom Sehen.

Er erklärte uns, dass er selber, auch beim Autofahren, das „defokussierte, geweitete Sehen“ praktizierte.
Dabei macht man genau das Gegenteil vom üblichen sich Konzentrieren und Starren und Glotzen und bewusst Hinschauen.
Es ist eher ein Loslassen, ein SichHingeben, den Blick weiten, eine Art von schwebender Aufmerksamkeit.
Es erinnert viel mehr an eine Meditation, als an unsere Alltagsaufmerksamkeit. Die Augen sind auf Breitwand eingestellt.
Nichts denken, nichts wollen, nichts erwarten, angstfrei und entspannt in sich selber ruhen.
So bleibt man, wie die eigenen Augen, relaxt und verpasst trotzdem nichts. Mir selber kommts sogar vor, als bekomme ich so viel mehr mit als im `StandartZustand` 

Auf meinen Reisen bin ich viele tausend Kilometer gefahren. In dieser Zeit war ich tage- wochenlang - oft monatelang allein auf der Strasse unterwegs, habe nur für die profanen Notwenigkeiten angehalten.

Die USA waren wunderbar zum Fahren, vor allem 2013 in der Wüste von Nevada war ich, auf den ewigs langen, graden Strassen, mehr als nur glücklich. 
Die Staaten sind zwar weitläufiger und, je nach Region, dünner besiedelt als Europa ...

... der totale Kick war jedoch Australien:
Als ich erstmal aus Sydney und dem relativ europäischen New South Wales raus war, konnte ich gar nicht mehr aufhören zu fahren. 
Der Sog der Strasse nahm mich mit sich und ich fuhr, abgesehen vom Schlafen usw. 5 Tage durch bis es nicht weiter ging, weil ich mit den Vorderrädern, irgendwo nördlich von Perth, am Saum des Indischen Oceans stand.
Später … nach ein paar Tagen Ruhe auf einem Campingplatz am Strand, packte mich die Reise- und Fahrsucht wieder 
… I kept driving 'n' driving … 
und ich begann sogar, das Schlafen teils „out-zu-sourcen“ aus der Nacht. 

Denn oft fuhr ich bis die Sonne untergegangen war und krabbelte von der Ladefläche wieder in den Fahrersitz sobald es hell wurde.
So schlief ich, wenn ich während des Tages, unterwegs, müde wurde, im Auto, fand eine „Technik“, eine Meditation, ähnlich der des „geweiteten Blicks“ nur eben mit geschlossenen Augen, die mich in wenigen Minuten eindösen liess und mich eben so zuverlässig nach ca. 10-15 Minuten wieder weckte. Denn ich durfte nicht lange schlafen, weil der Motor laufen musste um die Aircontion zu betreiben, sonst wäre das Auto zum Bratrohr geworden.
Nach dem Nickerchen war ich jeweils fit  für die nächsten paar hundert Kilometer.

So flog ich nach Norden, im Einklang mit dem Wagen, den ich inzwischen 
Flat White* getauft hatte und mir selber. 
Ich lebte in einer anderen Welt, war mein eigner Herr, traf meine Entscheidungen nach meinem Gutdünken und gab mich ganz meiner Lust und meinen Launen hin. Abgeschnitten von den repressiven Systemen der westlichen Arbeitshaltung galt es neue Strukturen zu erfinden … und das war gar nicht so einfach wie`s vielleicht scheint.

Ich fuhr also mit dem geweiteten Blick, der übrigens auch das Herz und den Verstand im Verhältnis zu dem, was wir als die "reale Welt" kennen, weitet und für Neues öffnet.
Aber auch Vieles was ich tat und dachte war neu, ungewohnt für mich und oft fühlte es sich unausgegoren oder einfach hirnrissig an. Ich dachte damals, mit dieser Fahrerei würde ich meine Zeit verschwenden, viel zu wenig sehen vom Land und mich nur stressen.

Das dachte ich, bis ich eines Tages, irgendwo oben in den wunderschönen Kimberleys, auf einer kurvigen und hügeligen Strasse, in einer sehr langgezogenen, etwas ansteigenden Kurve einen von diesen langen Roadtrains mir entgegenkommen sah. 
Er war noch weit weg, erst so gross wie ein Spielzeugauto und ich konnte die Strasse bis zu ihm gut überblicken, sah ihre Form und Biegung, den Winkel der Steigung, die seitliche Neigung der Trasse, den Radius der Kurve, nahm die Geschwindigkeit des Trucks und die beginnende Kränkung des Fahrerhauses relativ zur Strassenoberfläche wahr.

Mein, wochenlang im Modus der schwebenden Aufmerksamkeit trainiertes Hirn sendete plötzlich ein recht entspanntes Warnsignal … ein wenig wie ein Jingle in der Werbung eines Parfums für ältere Damen ... sanft auf einem Klavier gespielt, begleitet von einem Cello … und mir wurde klar, das der Trucker seine Geschwindigkeit und die Biegung der Kurve falsch eingeschätzt hatte.
In Australien fährt man links und ich wusste, er würde meine linke Fahrspur auch noch brauchen um die Kurve zu kriegen. Zum Abbremsen war es zu spät für ihn, er hatte 4 Anhänger hinter sich, die ihn schieben würden und ich spüre im meinen Eingeweiden, dass er nicht bremsen würde, weil das die Katastrophe perfekt gemacht hätte.

Ganz ehrlich ... manchmal denke ich mir Geschichten aus oder hab beim Schreiben ein oder zwei Gläschen getrunken, was meine Erzähle ein wenig bunter als die Wahrheit macht. 
Aber diesmal ist das nicht so ... es ist mein Ernst und es ist erst kurz nach Mittag und vor 4:00 am Nachmittag trinke ich nie ... also hört gefälligst zu! ...
... denn es geschah etwas, dass ich so noch nie jemandem erzählt habe.

Ich sah die Welt um uns herum, für, vielleicht ein paar Sekunden, in Zeitlupe, aus der Perspektive des Truckers. 
Ich sah, durch seine Augen, Flat White einige hundert Meter am Beginn der Kurve vor ihm, ich spürte die Neigung seines Fahrerhauses, die Intensität der Fliehkraft, die auf seinen Körper wirkte, ich nahm den Beginn des seitlichen Radierens seiner Reifen auf dem Asphalt wahr, während er das Lenkrad versuchte möglichst eng links zu halten und realisierte seine Weigerung zu Bremsen, sie war gleichzeitig meine eigene Weigerung, in dem beiderseitigen Wissen, dass das den Roadtrain unweigerlich in die Eukalyptusbäume crashen würde. 
Ich spürte, er war ein wenig verdutzt über seinen Fehler, aber ansonsten entspannt und bereit aus der kommenden Aufprall das Beste zu machen und ich wusste, dass er wusste, dass seine Karten weitaus besser waren als meine. 
Dann kam so etwas wie Fürsorge für mich in ihm auf. 
Ganz ruhig sagte er zu mir: 
„Fahr auf den Sandstreifen, dort vor dem Bäumen“

Die Vision brach ab ...
... ich schaute nach links … und da war er tatsächlich, ein vielleicht 15 Meter langer Streifen aus Sand und Kies etwa 30-40 Meter vor mir. Am Ende des Streifens lag ein grosser Haufen schwarzer Steine, jeder davon so gross wie ein Fussball, dahinter stand ein grosser Baum. Ich wusste es würde knapp werden und ich wusste aber auch es würde passen. 

Bloss nicht panisch bremsen jetzt, denn ich fuhr sicher noch 80 Stundenkilometer. 
Flat White war schwer und alt und hatte kein ABS. 
Er ging unter der Bremswirkung sanft in die Knie, in meinem rechter Fuss fühlte ich, wie sich die Spannung in der Carrosserie aufbaute und irgendwas in mir wusste ganz genau, wie weit ich es treiben konnte, bevor sie sich entladen würde, bevor der Wagen schleudernd ausbrechen würde. 
Sanft aber kraftvoll, energisch und klar, wie auf einem bockenden Pferd brachte ich ihn dazu die Spur zu halten und trotzdem schnell langsamer zu werden. 
Ich wusste, ich durfte erst im letzten Moment auf den Sand fahren, denn dort würde ich den Bremsweg nie einhalten können, ich musste ihn vorher so weit abbremsen, dass er friedlich im Sand landete.

Eine Stimme in mir sagte: „Gut so mein Junge!“ … ich glaube das war nochmals der Trucker, der mein Manöver beobachtete.
Einen Hauch zu schnell brachte ich Flat White in den Sand. Es knallte heftig und all mein Gerümpel flog im Auto herum, als ich die 20 cm vom Strassenbelag auf den Seitenstreifen runterfuhr. 
Ich fühlte der Sand war nicht tief und darunter irgendwas Festes, also traute ich mich etwas saftiger zu bremsen. 
In einer Staubfontäne kam Flat White knapp einen halben Meter vor dem Steinhaufen zu stehen.

Der Roadtrain rauschte, wie vorausgesehen, auf meiner  Fahrspur an mir vorbei. Steine prasselten auf die Seite von Flat White wie Hagel. 
Dann war alles vorbei. Ich liess mich in den Sitz sinken und der Trucker hupte drei mal langgezogen … seine Art danke zu sagen.
„Kein Ding mein Alter!“ dachte ich in seine Richtung und wusste, dass er mich hörte.

Was ich aber eigentlich erzählen wollte, ist, dass unter der dünnen Schale der Welt, die wir als real und sicher empfinden, ganz, ganz nahe, nur einen halben Millimeter entfernt, eine andere Wirklichkeit liegt, die nicht einen Deut unwirklicher ist als die, von der wir in unseren westlichen Gedankengebäuden, glauben, dass sie die einzig Wahre ist.
Und ich glaube, dass wir unendlich viel Energie darauf verschwenden, diese Illusion, die unsere Realität darstellt, aufrecht zu erhalten ... und ich fürchte, darum sind wir oft so müde und ausgelaugt und so aggressiv und traurig und, dass vielleicht die zunehmende Zahl von Depressionen auch damit zu tun hat. 
Uns gehen unsere Träume verloren, weil wir die Realität dieses Planeten aus den Augen verloren haben ... denkt mal drüber nach!

Jede Nacht erleben wir diese andere Realität, oder dann, wenn wir krank sind oder ein wenig Chemie schlucken oder ein Glas Whiskey, wenn wir geliebt werden oder lieben, wenn jemand stirbt, den wir liebten und einfach weg ist … für immer … 

… und „nein“ ich hab nichts getrunken … 
… noch nicht! ... denn gleich is 4:00h!

Also … locker bleiben und den Blick weit halten.


Flat White ... südlich von Cooktown, Queensland




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*„Flat White“ ist eine Bezeichnung für die Zubereitungsvariante eines Cappuccinos, der in der Regel mit Latte Art verziert wird. Der Name kam in den 1980er Jahren in Australien auf.  Er wird in der Regel in einer Cappuccino-Tasse serviert und besteht aus einem Espresso oder Ristretto doppio und feinporig aufgeschäumter Milch. Der auffälligste Unterschied im Vergleich zum Cappuccino liegt darin, dass ein Flat White einen intensiveren Kaffeegeschmack und eine geringere Milchschaumschicht aufweist.












    



aus Wikipedia

Entworfen 7. August ...
... überarbeitet und gepostet 13.8. 2019 in Luzern.




22 Juli, 2019

Awaking



Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland am Orinoco
Bei mir daheim siehts so ähnlich aus, nur leider gibts hier keine Palmen und ich hab keinen Sextanten.
Am Morgen dieses arbeitsfreien Tages lag ich noch so halb im Schlaf. Fetzen meiner Nachtträume verdunsteten langsam und das Bewusstsein des hellen Tages war noch nicht gänzlich kondensiert.
Natürlich erinnere ich mich nicht ganz genau an alles ... 
... doch ging es irgendwie um dies:

Darwin entdeckte die Auswirkung der Spezialisierung bei den Finken auf Galapagos.
Jede Unterart bildete sich aus dem Zusammenspiel der Gegebenheiten auf der jeweiligen Insel.
Die Evolution tut eben einfach das, was notwenig ist ... emotionslos ... ausdauernd ... nachhaltig ... ohne fixe Ziele ... ausser Dem der Arterhaltung ... ohne Bewusstsein (hoffe ich doch) ... aber bewusst nachvollziehbar ...

Spezialisierung aber hat eine Achillesferse ... wenn der Grund für die Ausformung z.B. einer bestimmten Schnabelform ... entfällt, dann ist fertig lustig.


So denke ich an Adam und Eva ... die das menschliche Bewusstsein entdeckten, aber e
inen magischen Apfel vom Baum zu pflücken, das hätte nicht gereicht.
Was stattdessen passierte, so vermute ich, ist, dass der Anpassungsdruck auf die Primaten so spezifisch wirkte, weil sozusagen alle "Schnabelformen" bereits vergeben waren, dass nur noch eins blieb ... ein Hirn und ein Herz zu entwickeln. 
Ein Hirn, stark genug, es mit den anderen Arten auf zu nehmen ... sogar stärker zu werden und vom Opfer zum Täter ... zum Jäger zu werden.
Ein Herz, weit genug, sich weiterhin vom Instinkt leiteten zu lassen, aber auch den eben entstehenden Verstand und Bewusstsein zu notieren und zu lernen, zu erinnern und zu verdrängen. Ein  Herz fürsorglich genug, um dafür zu sorgten, dass wir es miteinander aushalten.

Heute heisst das "Teambildung" und kostet einen Haufen Geld um die rundliche Frau Meier aus dem Lohnbüro und den latent autistischen Herrn Mukowski aus dem Lager zur gedeihlichen Zusammenarbeit zu animieren.

Ehrlich gesagt ... funktioniert`s mehr schlecht als recht ... für ein paar Tage oder Wochen ... dann ist wieder alles beim Alten ... denn Meier und Mukowski sind nicht wirklich aufeinander angewiesen ... nicht natürlich und essentiell miteinander verbunden ... es gibt keinen wahrhaften Grund zur Kooperation ... es sei denn ...
... ja, es sei denn Mukowski steht auf rundlich und Meier auf autistisch ... dann allerdings ...
... dann gibts eine neue Generation von rundlichen und autistischen Mitarbeitern für Lohnbüro und Lager oder ... 
... vielleicht eine neue Frau Beethoven oder einen neuen Herrn Thunberg ... 
... eben Mutationen sind vielleicht das, was uns vermutlich dereinst den Arsch retten wird, wie schon seit plus/minus 2 Millionen Jahren.

Wenn aber die Notwendigkeit nicht da is, dann mutiert auch nix. 
Nicht, dass es keine Mutationen gäbe, die aber werden eher schief angeguckt, statt dass sie sich durchsetzen.
Es gibt heute, in der westl. Gesellschaft ... und der Osten ist brav dabei gleichzuziehen, keine Notwendigkeit mehr, sich mit Unseresgleichen  zu verbünden, denn es gibt keine Not. Wir alle sind ... mehr oder weniger ... nach ca. 16 - 26 Lebensjahren absolut in der Lage völlig allein zu leben ... niemand braucht irgendwen für irgendwas ...

"STOPP!!" schreit da jemand irgendwo innerhalb meiner eigenen Hirnschale ... "Was ist mit Liebe und Sehnsucht und Hingabe, mit der Kunst, mit Lust und Verlangen, mit Kinderwunsch und .... ?"


"ja, Mann ... is ja gut! ... entspann Dich!" versuche ich mein aufgebrachtes Sekundärgewissen zu beruhigen.

Ich hab nur gesagt, dass man nicht zwingend jemand anderen braucht! 
Aber wenn dann die Fortpflanzungshormone uns im Griff haben ... zugunsten der Arterhaltung ... dann gestehe ich zu ... kann man sich gut und gern auf dies Abenteuer einlassen.

Wer nun findet, ich wirke heute "abgeklärt", wenn nicht sogar "desillusioniert" ... 
... Dem oder Der ... muss ich, nicht all zu schweren Herzens, sagen: "Das ist genau so!"

Irgendwann ist aber auch das vorbei ... also nicht die Lust ... nicht die Hingabe ... nicht die Sehnsucht nach Schönheit - die schon grad gar nicht -* aber doch der Kinderwunsch ... einfach weil das Programm zur "Arterhaltung" sozusagen abgelaufen ist.
Liegt vielleicht dort einer der Gründe, warum wir im Alter alle ein wenig seltsam werden?
Wenn sich das Irdische langsam, aber wahrnehmbar einem Ende zuneigt, dann passieren seltsame Dinge. So wie der Eine diese gekonnt in seine verbleibenden Tage integrieren kann, so kann der dummdreistdauerresiste Zeitgenosse, z.B. die Herren Erdogan, Trump und Berlusconi, trotz sichtbaren äusserer Zeichen wie Haarverlust, nicht die Kurve kriegen, bevor der Sargdeckel sich über ihnen schliesst.

So werden wir alle, mehr oder weniger, früher oder später, zum "Lonely Sapiens", denn,wie gesagt, es gibt es ausser dem rudimentären Bedürfnis nach körperlicher Nähe eigentlich  wirklich keinen Grund mehr zur Fraternisierung mit den Artgenossen.


Aber!! ...  auch das stimmt nicht so ganz.

Die Hormone haben keineswegs aufgehört uns zu dirigieren.
Ich ... ja ich ... der alte Misanthrop ... entdecke plötzlich das ganz tief gelagerte Bedürfnis den mir zeitlich Folgenden einen Support zu geben, sie zu fördern, zu ermutigen, ihnen eine Startplattform zu geben, eine Chance  ... nennt es wie Ihr wollt.

"Das ist auch eine Form der Arterhaltung" ... mischt sich plötzlich meine weise Sofalehne ein.

Sie war seit ein paar Woche schmollend still gewesen, weil ich zum Schreiben ins Café ging, statt mich ihrer Rückendeckung zu versichern, denn ab und zu, wenn ich nicht im Job bin, muss ich halt mal runter vom Sofa und gucken, was der Rest der Welt so treibt. 

Überhaupt, gar nicht so besonders tief innen drinnen, mag ich Abenteuer und ich mag Abenteurer und darum, kurz vor Ende, ein Zitat, dass nur auf den ersten Blick nichts mit dieser Geschichte zu tun hat, von Alexander von Humboldt. 
"Am gefährlichsten sind die Weltanschauungen derer, die die Welt nie angeschaut haben"



* 
ein guter Freund liess sich vor kurzem zum Thema "Binde- Gedanken- und sonstige -striche" aus.
Sicher bin ich, der Schuljahre lang mit einer eher suboptimalen Note im Fach "Deutsch" und hier insbesondere in der deutschen (ja in Deutschland schreibt man "deutsch" als Verb, wie alle Verben klein) Grammatik und Zeichensetzung, agierte, nicht der Berufene, um gute Ratschläge zum Thema zu geben, allerdings möchte ich meine Erfahrung teilen,  dass man eine Sprache einschl. Grammatik und, eben auch der Interpunktion, nur dann richtig beherrscht, wenn man in der Lage ist, allen Dreien, ab und zu mal, gewaltig in den Arsch zu treten.


Geschrieben an div. Orten und Tagen in Luzern. Gepostet 22.7. '19 ebd 

23 Juni, 2019

Driving

Ich mag Autos ... wirklich!
Vor allem weil ich damit so schön reisen kann und ich fahre auch gern mit dem Auto, dass macht einfach Spass ...
"Glück ist: eine gute Kiste unterm Arsch und 10.000 Km vor Dir" 

Ein Leben ohne ABER wäre prima, aber das ist nicht ganz so ... realitätsnahe! Irgendwie gehts um das ...

Einstein hat mal sinngemäss gesagt, er liebe das Reisen 
... einfach das Ankommen nerve ihn.

Das geht mir genau so ... deswegen bin ich weder ein Tourist noch ein Nomade.
Touristen haken halt so ihre geplante Tour ab und fahren dann wieder heim ...
und Nomaden die ziehen umher auf der Suche nach einem Ort wo sie bleiben können.

"Was bist'n dann?" fragt meine, wie so oft, etwas zickig-genervte innere Stimme.

Nun ... ich bin ein Reisender ... ich bin einfach gern unterwegs ... und fertig! Ich mag das Unverbindliche wenn ich reise ... ein paar Tage hier oder dort, ein paar Freunde für ein paar Tage ... dann gehts weiter ... ein Ort den ich liebe ... um dann wieder fort zu gehen ... ich mag die Veränderung ... das Statische, das höhlt mich irgendwie aus.

Ganz hinten, in der letzten Reihe meines Ichs, meldet sich jemand!

"Aber!!" --- ich hätte doch ein Zuhause und einen Arbeitsplatz --- wo ich doch die meiste Zeit meines Seins verbrächte!

Ganz richtig!!!

Aber wer sagt, dass ich das gern tue?!
Lieber wäre ich unterwegs!

"Aber ... aber dann könne ich doch ... ?!" fährt der innere Querulant fort ...

"Scheisse NEIN!" unterbreche ich ihn bevor er geendet hat "... kann ich eben nicht!!" ... ich könnte Reisen nicht zu meinem Beruf machen, das wäre genau das Gleiche wie das "Ankommen"
... Verpflichtungen, Abgabetermine, Verbindlichkeiten, Optimierung, Effizienz, Expansion, Abhängigkeiten, Hoffnungen und Enttäuschungen, Erfolge die mich zum nächsten hetzen.

Ich koche gern, das entspannt mich.
Das aber deswegen zum Beruf machen?
Davor hat schon meine Grossmutter mich gewarnt und die war Köchin.

Egal!

Wisst Ihr was richtig saugeil ist?? ... jetzt wo ich langsam alt werde??
ICH MUSS NIEMANDEM MEHR GEFALLEN
Ich KANN ... aber ich muss NICHT!!
Das ist ein wenig wie Narrenfreiheit ...  ich muss nicht mehr mit der Herde laufen.
Ebenfalls von Einstein:
"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, 
muss man vor allem eins sein: ein Schaf."
Ja ?! ... Nein?! ... vielleicht?? ... NEIN DANKE !!

So ... ja ... ähm ... eigentlich wollte ich was ganz anderes schreiben?

Hab mich irgendwie verzettelt ...

Es ging um ... ?

... genau es ging ums Reisen!

Es ging um meinen, durch die Flugreisen, ins monströse angewachsen unökologischen Fussabdruck und um sowas wie Gewissen, das, wider anderslautender Vermutungen ... auch meinerseits ... ich offenbar doch habe.


Immerhin belaste ich diesen Planeten bereits seit über 60 Jahren und 2/3 der Zeit mit Hilfe von toten Dinosauriern usw.

Ich hab deswegen Bedenken, wenn denn eines Tages die Menschen zur Vernunft kämen, ... was aufgrund der Erfahrungen der vergangenen 2.000 Jahre ja eigentlich nicht zu erwarten ist, ... falls aber doch, es so eine Art "Säuberungswelle" gibt, die all die Bösen zur Rechenschaft zieht. 
Jedem würde dann sein Ökofussabdruck vorgehalten ... in Zeiten digitaler Datenbanken absolut kein Problem ... und wer über den Wert "x" kommt, der geht für 3-4 Jährchen in ein landwirtschaftliche Arbeitslager in der Antarktis, um dort, bei lauwarmen Dauerregen, Gemüse für die hungernde Weltbevölkerung zu ziehen, weil der Rest der Erde, mehr oder weniger, staubtrocken ist.

Getrieben von solche, nicht völlig aus der schadstoffbelasteten Luft gegriffenen, Ahnungen und anderen Visionen, die ich wohl besser für mich behalte, hab ich dann also angefangen mein Ökoverhalten zu hinterfragen.


Getreu dem Leitspruch meines Vorbilds Wolfgang Neuss: 

"Heut mach ich mir kein Abendbrot, heut mach ich mir Gedanken" 
hab ich mich entschlossen, mal kein Fleisch mehr zu essen. Allerdings nicht nur aus Ökogründen, nicht nur wegen meiner aufkommenden Alterszipperlein, sondern auch weil, je älter ich werde, doch immer mehr realisiere, dass wirklich Alles Eins ist und so mein innerer Widerstand wächst, mich dran zu beteiligen, dass weiterhin meine Brüder und Schwestern gefangen gehalten werden, getötet und gegessen werden, ohne jede Not oder Notwenigkeit, einfach weil mir grad mal danach ist.
Da steckt keine grosse Philosophie dahinter ... ehrlich nicht! ... ich wills einfach nicht mehr ... fertig!

Intermezzo: ... einfach mal so als Gedanke statt einer Wurststulle:
Da liegen Leichenteile hübsch verpackt und gut gekühlt im Supermarkt rum ... und alle gehen lustig plaudernd dran vorbei, freuen sich aufs Wochenende und den Spaziergang mit dem Familienhund, der ja ach so sensibel und klug ist.
By the way ... wusstet ihr schon, dass Kälber ihre Mütter nicht nur an Stimme und Geruch erkennen, sondern auch an der Figur? ... den Bauern übrigens auch.
Könnte gut sein, dass dereinst unsere Enkel es aus dieser Perspektive betrachten.
Ich jedenfalls krieg die Kalbsbratwurst so nicht mehr runter.

Ich müsse aber doch, besonders im Alter, auf meinen Eiweisshaushalt achten, gab mein innerer Ernährungsberater zum Besten. Ich liebe diesen Fachidioten in mir.

Egal!

... ach ja ... es ging ums Reisen ... eigentlich ... aber wie gesagt ...  alles ist Eins.

Wie auch immer ... sitze ich also neulichs in meinem Tojota, auf dem Weg zur Arbeit im Stau, komm keinen Meter vorwärts und produziere trotzdem lustig weiter Stickoxide, Feinstaub und Treibhausgase und wer weiss was noch alles, während im Radio ein Bericht läuft in dem es um Greta Thunberg geht.

Mann muss sich schämen! Vor allem in meinem Alter! Finde ich ... echt.

Ein kleines Mädchen hält der Welt den Spiegel vor ... und ich alter Sack verpesten die Erde  auf der sie noch ihr Leben verbringen soll, während ich dann ... in ein paar Jährchen ... die Gnade eines frühen Todes geniesse.


Das kann nicht sein! 

Da muss man ja fast um die Versetzung auf die südpolare Gemüsefarm betteln um dem eigenen Karma wenigstens ein dürftiges Polish zu verpassen.

Nicht egal!

Kurz überlegt ... denn dafür ist das Alter gut ... weil eine +/- mittelere Intelligenz durch lange Erfahrung kompensierbar ist.

Ein wenig Internetrecherge und ... auch ein Vorteil des älter werdens ... denn nix is für immer ... also auch meine Entscheidungen nicht .
.. spontan entschieden ... ich kaufe mir einen elektrisches Transportmittel und lass den Dinosaurierleichenverbrennungsapparat so oft wie möglich stehen.


Seit gut einem Monat bin ich nun damit unterwegs und so ich finde das KonsequentSein irgendwie richtig sexy !
FUNMOBIL
20 Km/h = 5x so schnell wie zu Fuss
gut 50 Km Reichweite
hydraulische Scheibenbremsen vorn und hinten
Tempomat
6 Std Ladezeit
faltbar
tragbar
15 Kg 
"Und? Die Moral von der Geschichte?" quakt die Nervensäge in mir los.
Der kapiert`s echt nie! Vielleicht sollte ich doch an den Südpol ... dereinst.

geschrieben und gepostet in Luzern und Horw um den 23. Juni 2019 

07 Mai, 2019

Planting


Ich habe Ferien !!

... und wollte eigentlich nach Israel ... 
aber das lassen wir wohl mal lieber für den Moment ...
stattdessen ...



... erzähle ich was sonst so passiert ist.

Wie das dann eben so ist, wenn der äussere Druck wegfällt, schlafe ich seit Tagen fast ständig. Das hab ich mir bei unseren Hunden abgeguckt, die schlafen einfach wenns`s nix zu tun gibt ... keine Mäuse, keine Kaninchen, kein Futter, keine Nachbarskinder.
Aber wie das dann eben so ist, nach fast 5 Tagen Sofaleben, hatte ich am Morgen die Faxen dicke davon.

Also bin ich einkaufen gegangen fürs Nachtessen:
... heute gibts jedenfalls Pilze ... weil gesund und weil die Honks* von COOP und Migros fast 10,- Franken für 500g Grünen Spargel wollen ... "GESCHISSEN JUNGS !!"

Wo ich da aber mit meinem "Herbstgemüse" vor der Kasse stehe und warte bis die Oma vor mir,  ihre Münzen abgezählt hat, geht mir durch den Kopf, dass ich ja einen besonnten Balkon hab und ich mein Gemüse selber ziehen könnte.

Tomaten fänd ich gut. 
Erstens mag ich die, zweitens trau ich den Dingern aus Holland und Spanien nicht mal so weit wie ich spucken kann und drittens mögen Tomaten Sonne.
Vor meinem geistigen Auge sah ich blühende Landschaften im vierten Stock auf meinem Balkon vor mir. Tomaten bis zum Horizont ... also genauer gesagt, bis zum Geländer und Tontöpfe wollte ich und richtige Erde am besten Bioerde ... ähm ... gibts das? BIOERDE? ... oder is Erde immer bio? 

Egal!
Auf jeden Fall kein Plastik ... wegen der Weltmeere und dem Erdöl und überhaupt. 
Ausserdem könnte ich noch Basilikum anba ....

"Hallo Meister ... gehts mal weiter da vorne?!"
Hinter mir guckten mich zwei Kunden entwürdigend direkt an.

Egal!!
Ab in den COOP-Bau- und Pflanzenmarkt 
... denen werd ich's zeigen! ... 
... 10 Franken für 500g Spargel!!!  ... gehts eigentlich noch?!

Na ja, jedenfalls kurz danach ...
... kam ich mit zwei Tonkübeln, zwei Tomatenpflanzen und 50l Erde und 45,- Franken weniger (umgerechnet = +/- 2,5 Kg Grüner Spargel) wieder aus dem COOP-Bau- und Pflanzenmarkt raus.
Habt ihr eine Vorstellung davon, was 50l Blumenerde, zwei grosse tönerne Blumenkübel und zwei zarte Tomatenkleinkinder wiegen und wie unhandlich das alle ist??!

Egal!!
Ich taufte sie Ginger & Fred, pflanzte sie ein und nun habe ich eine neue Mitbewohnerin und einen neuen Mitbewohner.
Im Vordergrund Ginger ... im Hintergrund Fred ...

... nun schaun wir mal!!


Ginger (sie ist etwas größer als Fred und vorlaut) hatte grad zu bemängeln, dass ich in meinem WhatsappStatus nur "Mitbewohner" schrieb und nicht "MitbewohnerIn" ...

... und Fred (er ist eher still und etwas introvertiert) hat leise gestöhnt.
Ich musste Ginger versprechen, sozusagen als Wiedergutmachung, in diesem Artikel, den sie vor der Veröffentlichung gern kurz querlesen möchte, die korrekten Genderformen zu benutzen.

HIMMEL!! ... was hab ich getan?


Auf Nachfrage:
*
Honk (Singular)= Hauptschüler ohne nennenswerte Kenntnisse
Eine Abk. der deutschen Bundeswehr


Getextet und gepostet 7. Mai 2019 in einem Café irgendwo in den Weiten der Zentralschweiz






11 April, 2019

Trusting

 "Philosophie ist eine Form der Verzweiflung" Heini                                                 Comic "Calvin and Hobbes" Bill Watterson                                                                                                                                                     



Manche Menschen vergisst man nie. 

Mein Freund Heini war ein LebensKünstler. 
Für sein Alter, wir waren damals alle so knapp 20, war er bereits auf einem Niveau von Unabhängigkeit angekommen, das, jedenfalls mir, völlig neu war. 

Er hatte jeden Tag den selben, dunkelblauen, löcherigen Polyesterpullover an, ging in Birkenstock, einzig bei grosser Kälte gab es dazu noch ein Paar Socken in graubraun, ansonsten waren diese wie der Pullover. An seine Hose kann ich mich nicht wirklich erinnern, aber während wir uns alle in enge Jeans zwängen, bleibt mir ein Bild von etwas Schwarz-schlabbrigen zurück. 
Seine Hände jedenfalls waren immer in ihren Taschen versenkt. 
Eines Tages neckte ich ihn damit: "Ich denke sie werden dich mit Händen in den Hosentaschen beerdigen, eines Tages." Er schaute mich einen Moment lang an, schien zu überlegen, antwortete mit fast schüchterner Stimme: "... na dafür nehm ich sie jedenfalls bestimmt nicht raus." 

Wir machten damals beide das Fachabitur in der nächstgrößeren Stadt, trafen uns meist schon im Zug, auf dem morgendlichen Weg dorthin. Am Abend fuhren wir oft gemeinsam wieder zurück. So blieb uns viel Zeit zum Plaudern und Anfreunden und Verabreden um etwas zu unternehmen. 
Ich steckte damals grad am, von mir noch nicht vollständig realisierten, Ende meiner ersten längeren Liebesbeziehung und war auf dem Sprung das Elternhaus zu verlassen. Heini hatte sich damals auch grad getrennt und so hatten wir ein Thema. 
Wir gingen gemeinsam fotografieren und in Konzerte, hörten Jazz von Schallplatten und rauchten, kifften und soffen, wie es der Situation angemessen war. 
Mit uns unterwegs waren oft unsere hübsche Freundin Tara und der zottelige Micha ein kluger Mann, der malte wie ein junger Warhol. Ich denke wir waren alle drei in Tara verknallt, die aber stand so gar nicht auf Hippies der 3. Generation, schnappte sich statt dessen einen unserer Lehrer und erzählte uns brühwarm von ihren Abenteuern mit ihm. 

Zu jener Zeit war ich, trotz deutlich erkennbarer Risse und der sich am Horizont abzeichnenden Weggabelung, die uns in verschiedene Richtungen führen würde, noch mit meiner Geliebten Katrin zusammen. 
Auch sie lernte meine Freunde kennen und obwohl man sehen konnte, dass dies nicht ihre Welt war, war sie immer öfter mit uns unterwegs. Ich wunderte mich so halb darüber, zur anderen Hälfte hoffte ich aber wohl, dass uns die Zeit mit den Freunden wieder mehr verbinden würde. 

Eines Tages, wir hatten das Fachabitur alle bestanden und die gemeinsame Schulzeit würde bald vorbei sein, sprach mich Heini auf einem Spaziergang, auf dem wir nur rumblödelten, ernst an. 
"Lass mal den Quatsch jez! … ich muss Dir was sagen … und das fällt mir nicht leicht. Damit Du verstehst, dass es ernst ist, mache ich das hier ... " 
Er nahm zu meinem grössten Erstaunen, seine Hände aus den Hosentasche, griff meine Hände und sprach weiter: "Deine Freundin hat mich letzte Woche besucht und sie wollte was mit mir machen … ich dachte, das würde Dir nicht gefallen. Also hab ich sie weggeschickt. … Verstehst Du?" Dann liess er meine Hände los, trat einen Schritt zurück und schaute mich an. 

Mir war übel. Ich konnte weder atmen noch nicht atmen. 
Ich liess Heini stehen und ging davon, schaute mich nicht mehr um, nahm den nächsten Zug nach Hause. 

Obwohl das Ende der Zeit mit Katrin in Sicht gewesen war, zerbrach etwas in mir. Ich schlief wohl erst gegen Morgen ein, meine Mutter weckte mich spät, es war ein Samstag, das weiss ich noch. "Heini ist am Telefon, komm mal runter bitte!" 

"Wie geht's Dir?" fragte er  "Willst Du herkommen?" fuhr er fort. 
So sass ich zwei Stunden später auf seinem Sofa und wir tranken Bier. 
Plötzlich stand er auf, ging zu seinen Eltern ins Wohnzimmer, ich hörte eine lautstarke Verhandlung, kurz darauf stand er mit einer Flasche Champagner und Gläsern in der Hand wieder im Zimmer.
"Komm, Mann! Lass uns das feiern! Du bist die Alte bald los und in 3 Wochen ziehst Du bei Deinen Eltern aus!" 

Er hatte Recht, vor mir lag ein neues Leben … 

… und er hatte extra für mich die Hände aus den Hosentaschen genommen! 



Luzern, 9. April 2019 im Spital




31 März, 2019

Developing

Alte Leute sind doch manchmal komisch, oder!?




Wenn der Wind eines Frühlingsmorgens den süsslich-harzigen Duft des nahenden Endes des Arbeitslebens mit sich trägt, diese Mischung aus blühenden Wiesenkräutern und dem langsam erkaltenden Schmierfett in der heissgelaufenen Nabe der täglichen Tretmühle, dann geraten Herz und Hirn in Aufruhr.

Befürchtungen und Beziehungen, Karriere und Kränkungen, gehegte Hoffnungen und gepflegte Zweifel, alles was eben noch hypnotisierte, hat seine Macht verloren. So oder so ähnlich, vermutlich umfassender und elementarer müssen sich wohl Sklaven gefühlt haben, die aus ihren Ketten entlassen wurden.

Als Kind hatte die Zeit eine andere Geschwindigkeit. Unendlichkeiten lagen zwischen Jetzt und Weihnachten, ebensolang jeder Tag, angefüllt mit den Zuckerbröckchen die meine Jugendfreundin Ingrid geschickt von den Kaugummikugeln pulte, während wir unter der alten Trauerweide standen, deren dürre Ästchen der Sommerwind in ein wohlig schauderndes Klappern versetzte, dass sich wie ein entfernter Applaus anhörte, den Pfützen vor denen ich kniete um diese fremde Unterwasserwelt zu beobachten und den Löchern die wir in die Erde buddelten, mit der Absicht, mindestens bis zum Erdmittelpunkt oder vielleicht sogar bis Neuseeland zu kommen, denn Zeit existierte für uns nicht, wurde nur an den Kristallisationspunkten sichtbar, wenn wir zum Essen kommen mussten oder um zu Bett zu gehen.
... und Ingrid machte mit dem Inneren der Kaugummikugeln phantastische, grosse Blasen.



Mit dem Beginn des Kindergartens war die zeitlose Zeit vorbei, von da an sorgte das repressive System naht- und lückenlos dafür, dass die Zeit in jede unserer Gehirnwindungen einsickerte, sedimentierte, sich unter sozialem Druck verfestigt und so eine Art Zeitstein bildete, der sich an den Wänden jeder Körperzelle absetzte. Es würde mich nicht im mindesten wundern, wenn diese Ablagerungen der eigentliche Grund für unsere Zivilisationskrankheiten wären.

Nun, im letzten Jahr, hatte ich mir diese Auszeit genommen, damit ich einen anderen Weg mit mir selber finde, bevor mir die Pensionierung passiert. Ich wollte ja, dass sich was ändert, ich hab's heraufbeschworen, ich hab's drauf angelegt, die Geister gerufen. 
Und ... verdammt ... sie kamen die Geister!! 
Wie`s dann aber halt immer ist, wurde ich sie nicht so einfach wieder los.

Lange Monate wusste ich nicht ob ich sie verwünschen oder verwöhnen sollte, sie fürchten oder mich freuen, mir liefen, vor allem nachts, die Tränen über mein Lächeln und wenn ich in den Spiegel schaute, sah ich glückliche, nasse Augen und einen zum Schrei geöffneten Mund.
Versteht mich nicht falsch, ich liebe meinen Job. Aber es ist auch oft einfach ein  Job, schon irgendwie mein(!!)  Beruf, immer wieder auch eine Berufung. Es ist aber kein Leben in Freiheit, weder in innerer noch in äusserer.
"Was würdest Du denn tun, wenn Du 24/7 Zeit für Dich hättest?" fragte mich Herr K. am Telefon, als wir so vor uns hin philosophierten. "Das isses ja, ich weiss nicht! Die Reise war fantastisch und furchtbar zugleich. Aussergewöhnlich einerseits und nicht auszuhalten zum Anderen ... " "... aber vielleicht ist es auch zu spät für mich, den Dreh mit der Verpflichtungslosigkeit noch zu finden!?"

"Vielleicht auch nicht!?" mischt sich meine weise Sofalehne unvermittelt ein. "Denn eigentlich musst Du nur zurückfinden unter jene Trauerweide, den Unterwasserwelten der Pfützen und zu den Löchern in der Erde, die bis Neuseeland reichen."
Ja, weise ist sie schon meine Sofalehne.
Was ihr manchmal fehlt ist das KnowHow.


Das passiert halt, wenn man mit seiner Identität spielt ... es bleibt nur ein Häufchen Fragen zurück. 
Die Uralte vor allem: "Wer bin ich?"
Angesichts des Verlustes der Hüter der Kindheit, eine sowohl nachvollziehbar als auch unlogische Frage. Sollte doch einerseits mit der Verwaisung die eigene Selbstständigkeit und 
das Erwachsenwerden gefördert werden .... andererseits geht aber, mit dem Verlieren der Kindheit, auch die unstillbare Sehnsucht nach ihr einher.

Was bin ich also? Kind, Schüler, Lehrer, Architekt, Schreiberling, Koch, Sozialpädagoge ... ?

Ganz leise höre ich eine Stimme hinter mir.
Ich kann nicht verstehen was sie sagt.
Ich drehe mich rum, nehme das Kissen von der Sofalehne:
"... und vielleicht ein wenig von all Dem?!" krieg ich grad noch das Ende vom Satz mit.
Ja ... vielleicht !

Wir sind wohl doch schon recht erwachsen geworden, wir beiden, die weise Sofalehne und ich ... so pule ich mir die Zuckerbröckchen selber von den Kaugummikugeln  ... und mache dann eine grosse Kaugummiblase ... die am schönsten und grössten ist, kurz bevor sie platzt und mir den ganze Klebkram mitten ins Gesicht klatscht ... 

... irgendwie wie im richtigen Leben.




geschrieben in Emmen, Ebikon und Luzern in div. Cafés und Kneipen an verschiedensten Tagen im März 2019
veröffentlicht 31. März 2019 in Luzern